Deutsche Verslehre
Vers - Versgruppe

Terzine (terza rima)
it. = Dreizeiler, Dreireimer, die,
wurde von Dante Alighieri erfunden und bildet das Versschema der "Göttlichen Komödie".

Explikation:

dreizeilige italienische Strophenform mit durchlaufender Reimverkettung nach dem Schema aba / bcb / cdc / dcd / ... und mit einem abschließendem Vers, der den Mittelreim der letzten Strophe aufgreift. (... / xyx / yzy-z). In der italienischen Dichtung hat eine Zeile meist elf Silben (Endecasillabo), im Deutschen und Englischen dominiert der zehnsilbige jambische Pentameter, die frz. Nachbildungen verwenden den vers commun, die (neueren) dt. Nachbildungen 5-hebige jambische Verse, wobei formstrenge Dichter nach dem Muster des it. Endecasillabo ausschließlich Verse mit weiblichem Reim gebrauchen. Die Strophe stellt im eigentlichem Sinne keine syntaktische Einheit dar.

Historie:

Die italienische Terzine ist eine Sonderform der it. Serventesenstrophe (s.h. Serventese) und wurde von Dante für seine "DivinaCommedia" entwickelt. Sie begegnet im 14. Jh. noch als Form des Serventese, des Lamento als des historisch-politischen Zeitgedichts, und des großen allegorischen Lehrgedicht (Petraca, "Trifoni"; Boccaccio, "L'amorosa visione"). Seit dem 15. Jh. wird die Terzine in der it. Dichtung als Äquivalent für das gr.-lat. elegrische Distichon angesehen und damit zum Versmaß der bukolinischen Dichtung (Übersetzungen des "Bucolica" des Vergil; Lorenzo il. Magnifico; J. Sannazaro, "Arcadia"), der Epistel, der Elegie, der Heroide, aber auch der Satire (s.h. Capitolo). Im 19. Jh. begegnet sie bei G. Leopardi, G. Carducci, G. Pascolini u.a. als Versmaß lyrischer Dichtung.

Französische, englische und deutsche Nachbildungen finden sich zunächst im 16. Jh., in der frz. Dichtung zuerst bei J. Lemaire de Belges, in der Englischen Dichtung bei Th. Wywatt und H.H. Surrey, in der dt. Dichtung in den Psalmenübersetzungen von Meissus Schede (1572). Größerer Beliebtheit erfreut sie sich erst in der Romantik, im Frz. bei V. Hugo, bei Th. Gautier und den Parnassiens, bei A. Rimbaud, P. Verlaine. P. Valéry, im Engl. bei G.G. Byron, P.B. Shelly, R. Browning, W. Morris und A. MacLeish (Epos "Conquistator"), im Dt. bei A.W. Schlegel, Goethe, ("Faust II", Eingangsmonolog; Gedicht "Im ernsten Beinhaus wars"), F. Rückert, später bei St. George. H. v. Hofmannsthal, ("Terzinen über die Vergänglichkeit" verwendet nicht das für Terzinen übliche Kettenreimschema), R. Borchardt, Th. Däubler, J. Weinheber u.a.

Eine Besonderheit der frz. Terzinendichtung (Lemaire) ist die syntaktische Geschlossenheut der Einzelstrophe.

In der englischen Dichtung ist die Verwendung von Terzinen ein schwierigeres Unterfangen, da Englisch im Gegensatz zu Italienisch keine flektierende Sprache ist und somit auch die Anzahl der möglichen Reimwörter ungleich kleiner. Chaucer führt sie im 14. Jh. dennoch in die englische Dichtung ein (Complaint to His Lady). Später schreiben unter anderem John Milton, Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, im 20. Jh. unter anderem William Carlos Williams und T. S. Eliot in dieser Form.

Beispiele:

Die ersten Zeilen aus Dantes "Göttlicher Komödie":

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura
ché la diritta via era smarrita.

Ahi quanto a dir qual era è cosa dura
esta selva selvaggia e aspra e forte
che nel pensier rinova la paura!

Tant'è amara che poco è più morte;
ma per trattar del ben ch'i' vi trovai,
dirò de l'altre cose ch'i' v'ho scorte.

Io non so ben ridir com'i' v'intrai,
tant'era pien di sonno a quel punto
che la verace via abbandonai.

Aus Shelleys Ode to the "West Wind":

O wild West Wind, thou breath of Autumn's being,
Thou, from whose unseen presence the leaves dead
Are driven, like ghosts from an enchanter fleeing,
Yellow, and black, and pale, and hectic red,
Pestilence-stricken multitudes: O thou,
Who chariotest to their dark wintery bed
The winged seeds, where they lie cold and low,
Each like a corpse within its grave, until
Thine azure sister of the Spring shall blow
Her clarion o'er the dreaming earth, and fill
(Driving sweet buds like flocks to feed in air)
With living hues and odours plain and hill:
Wild Spirit, which art moving everywhere;
Destroyer and preserver; hear, oh, hear!

Aus Goethes "Im ernsten Beinhaus war's":

Im ernsten Beinhaus war's, wo ich beschaute
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht' ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih' geklemmt' die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! was sie trugen
Fragt niemand mehr, und zierlich tät'ge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.
Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort und ganz vergangen?

(Quelle: Metzler--Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen; hrsg. von Günther u. Irmgard Schweikle, [Mitarb. Irmgard Ackermann ...]. - 2. überarbeitete Auflage, Stuttgart: Metzler 1990; ISBN 3-476-00668-9; Autor: prof. Dr. Klaus Harro Hilzinger, Stuttgart. S. 458)


Sekundärliteratur

Bernheim, Roger: Die Terzine in der deutschen Dichtung von Goethe bis Hofmannsthal; 1954 - 140 S. Hochschulschrift

Czernin Franz Josef: Terzinen; 1994 - 1 Lamellenbuchobjekt Sprache: Deutsch Buch

Heyse, Paul: Novellen und Terzinen; 1867 - 413 S. Sprache: Deutsch Buch

Kannegiesser, Karl Friedrich Ludwig: Terzinen; 1842 Sprache: Deutsch

Lübbe, Axel: Terzinen; 1919 - 52 S. Sprache: Deutsch Buch

Mueller, Arthur (hrdg.): Lieder, Romanzen und Terzinen : Poetische und prosaische Werke : Franz Freiherrn Gaudy's poetische und prosaische Werke; 1853 - Neue Ausg. - VIII, 223 S.. - Bd 1 - 8 Sprache: Deutsch mehrbändiges Werk, Buch

Schuchardt, Hugo: Ritornell und Terzine; 1874 Diplom/Doktorarbeit Halle-Wittenberg, Univ. Schr. v. 10. April 1874 Sprache: Deutsch mehrbändiges Werk, Hochschulschrift, Buch

Zoozmann, Richard: Die göttliche Komödie in deutschen Terzinen : Anm. u. Reg. über die ersten 3 Bde : Werke : Dantes Werke : Das neue Leben : Die göttliche Komödie; Neu übertr. und erläutert von Richard Zoozmann; 1910 - 543 S. Sprache: Deutsch mehrbändiges Werk, Buch
{(Quelle: )}

(© 28.12.2007 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 29.12.2007)
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