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Gotthold
Ephraim Lessing
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Biographie:
Gotthold
Epharim Lessing; * Kamenz 22. 01. 1729, Braunschweig
15. 02. 1781; erhielt ersten Unterricht von seinem Vater, dem
Pfarrer Johann Gottfried Lessing (* 1693, 1770); war
deutscher Schriftsteller,
Dichter, Dramatiker, Autor von theoretischen Schriften über
deutsche Literatur und Kritiker; einzuordnen in die literarische
Schaffungsperiode der Aufklärung:
auf der Fürstenschule Sankt Afra in Meißen eignete er sich 1741-46
gründliche Kenntnisse der alten Sprachen an, lernte Englisch
und Französisch und bildete sich in Mathematik und Philosophie.
Die Zeit des Studiums, u. a. der Theologie, Medizin und Philosophie
in Leipzig (1746-48), wurde für Lessing v. a. wegen der kulturellen
Impulse wichtig. Angeregt durch die Lektüre
von Plautus und Terenz, erwachte sein Interesse für das Theater;
sein Stiefvetter, C. Mylius, führte ihn bei der Theatertruppe
Caroline Neubers ein, für sie verfasste er erfolgreich erste
Stücke im Stil der sächsischen Typenkomödie: 'Der junge Gelehrte'
(Uraufführung 1748, Erstausgabe 1754), 'Der Freygeist' (entstanden
1749, Erstausgabe 1755) und 'Die Juden' (Uraufführung 1749,
Erstausgabe 1754). Zuvor schon waren antikisierende
Fabeln und Erzählungen
sowie anakreontischer Gedichte erschienen (Sammlung der Gedichte
und Epigramme
unter dem Titel 'Kleinigkeiten', 1751).
Im November 1748 ging Lessing nach Berlin, wo er 1750 Voltaire begegnete
und, zusammen mit Mylius, die 'Beyträge zur Historie und Aufnahme des
Theaters' (1750, 4 Teile) herausgab, eine Zeitschrift, die später in
der 'Theatralischen Bibliothek' (1754-58, 4 Bände) ihre Fortsetzung
fand. Seit 1751 war Lessing Mitarbeiter der 'Berlinischen Privilegierten
Zeitung', der späteren 'Vossischen Zeitung'. In Wittenberg (seit Dezember
1751) erhielt er im April 1752 die Magisterwürde; im November 1752 kehrte
er nach Berlin zurück. Dort begründeten v. a. seine wortgewandten Rezensionen
seinen Ruf als Kritiker. Eine erste Sammlung seiner 'Schriften' erschien
von 1753 bis 1755 in 6 Bänden. Ein frühes Beispiel seiner beißenden
Polemik ist die Schrift 'Vademecum für den Herrn Samuel Gotthold Lange'
(1754), in der er die Horazarbeiten des hallischen Dichters und Gelehrten
einer vernichtenden Kritik unterzieht. Ein großer Bühnenerfolg wurde
das am 10. 7. 1755 von der ackermannschen Truppe in Frankfurt (Oder)
uraufgeführte Stück 'Miß Sara Sampson'. Dieses erste deutsche bürgerliche
Trauerspiel, inspiriert durch die Romane
der Engländer S. Richardson und H. Fielding und die englische Sentimental
Comedy, aber auch durch die empfindsamen Lustspiele C. F. Gellerts und
der französischen Comédie larmoyante, traf genau den Geschmack der Zeit.
Im Herbst 1755 ging Lessing wieder nach Leipzig, von wo aus er 1756
einen jungen Patriziersohn auf einer Reise begleitete, die durch ganz
Europa führen sollte, aber bereits in Amsterdam wegen des Ausbruchs
des Siebenjährigen Krieges abgebrochen werden musste. Nach Leipzig zurückgekehrt,
geriet Lessing in finanzielle Not; zahlreiche dichterische Pläne blieben
unvollendet. Der Gewinn des Aufenthaltes war jedoch die enge Freundschaft
mit E. von Kleist, später Vorbild für die Figur des Tellheim in dem
Lustspiel 'Minna von Barnhelm'. In Berlin (seit Mai 1758) veröffentlichte
er 1759 seine v. a. auch wegen der Anmerkungen zur Fabeltheorie bedeutsamen
'Fabeln', das Trauerspiel 'Philotas', dessen Entstehung eng mit Lessings
Sophoklesstudien verbunden war, sowie zusammen mit K. W. Ramler eine
Ausgabe der Gedichte von F.
von Logau. Die Arbeit am 'Faust'-Stoff blieb Fragment. Zur
gleichen Zeit gab er mit den Freunden F. Nicolai und M.
Mendelssohn die ersten Nummern (bis 1760) der Zeitschrift
'Briefe, die neueste Litteratur betreffend' heraus, die ihn zur entscheidenden
kritischen Instanz der deutschen literarischen Öffentlichkeit machten.
Hier formulierte Lessing erstmals ausführlich seine Kritik an der französischen
Klassik und J. C. Gottsched (aber auch an dessen Gegner J. J. Bodmer)
und postulierte die Vorbildhaftigkeit Shakespeares, der besonders den
antiken Dramenidealen 'in dem Wesentlichen näher stehe als die Franzosen'
(17. Brief). 1760-65 war Lessing, v. a. aus finanziellen Gründen, Sekretär
des preußischen Kommandanten von Breslau, B. F. von Tauentzien, eine
Stellung, die ihm gleichermaßen Freiräume wie wichtige Anregungen für
Milieustudien bot.
In Breslau verfasste Lessing auch im Wesentlichen seine kritische Untersuchung
'Laokoon oder Über die Grenzen der Mahlerey und Poesie', die 1766 erschien.
Hier entwickelte er gegen die Auffassungen J. J. Winckelmanns den grundsätzlichen
Unterschied zwischen der Poesie
als Kunst des zeitlichen Nacheinanders und den bildenden Künsten, deren
Prinzip das räumliche Miteinander ist. Die archäologischen Abschnitte
dieser Schrift verwickelten Lessing in eine von ihm überlegen geführte
Auseinandersetzung, v. a. mit dem hallischen Geheimrat C. A. Klotz.
Aus dieser Literaturfehde
gingen die 'Briefe antiquarischen Inhalts' (1768/69) sowie die Schrift
'Wie die Alten den Tod gebildet' (1769) hervor.
1765 übersiedelte Lessing wieder nach Berlin, folgte aber schon im Frühjahr
1767 unter dem Druck erneuter finanzieller Schwierigkeiten der Einladung
J. F. Löwens als Dramaturg
an das neu gegründete 'Deutsche Nationaltheater' nach Hamburg. Hier
wurde am 30. 9. des gleichen Jahres das bereits 1766 vollendete Lustspiel
'Minna von Barnhelm' (gedruckt 1767) uraufgeführt. Das Stück gilt in
der Mischung von tragischen mit schließlich dominierenden komischen
Elementen bis heute als 'klassisches deutsches Lustspiel'. Es markiert
die Ablösung der Typenkomödie durch die Charakterkomödie.
Ergebnis der theoretischen und theaterkritischen Arbeit dieser Zeit
ist die 'Hamburgische Dramaturgie' (1768-69, 2 Bände), in der Lessing
Rezensionen
aufgeführter Stücke verband mit Reflexionen
über das Wesen der Tragödie
und Komödie
sowie die Bedeutung des Dichters. Im Rückgriff auf die aristotelische
Gattungslehre und auf die Werke Shakespeares versuchte Lessing zu einer
neuen Fassung des Begriffs der Katharsis und der Vorstellung von den
drei Einheiten zu gelangen und so auch zu beweisen, dass Shakespeare
das Gattungsgesetz der Tragödie wahrhaftiger erfülle als die streng
regelhaften Stücke der französischen Klassik. Gegen 'formale Regeln'
stellte er das 'innere Gesetz' und das von diesem erfüllte 'Genie';
dies machte ihn auch zu einem Wegbereiter der Dramenkonzeption des Sturm
und Drang, obgleich er sich in späteren Jahren ausdrücklich
gegen dessen schrankenlose Verherrlichung des 'Naturgenies' wandte.
Nach dem Zusammenbruch des Hamburger Theaterunternehmens (November 1768)
folgte Lessing im April 1770 einem Ruf als Bibliothekar an die Bibliothek
in Wolfenbüttel, aus der er bedeutende Werke veröffentlichte (die Bibliothekarstätigkeit
im Allgemeinen aber als Ausübung eines missliebigen Amtes verstand).
In Wolfenbüttel brach für Lessing nun nach den geselligen Jahren (u.
a. Bekanntschaft mit J. G.
Herder, F.
G. Klopstock, M. Claudius, C. P. E. Bach) eine einsame, durch
den Tod des Vaters, Gesundheitssorgen, materielle Engpässe und berufliche
Missverständisse getrübte Zeit an, unterbrochen von einer wenig ergiebigen
Italienreise (1775/76). 1776 hatte Lessing endlich die finanziellen
Mittel, um Eva König, mit der er seit 1771 verlobt war, zu heiraten;
doch brachte ihr früher Tod (nach der Geburt eines Sohnes, der die Mutter
nur um wenige Tage überlebte) weiteres Leid. 1772 wurde das Trauerspiel
'Emilia Galotti' vollendet, in dem Lessing wesentliche Elemente seiner
Dramentheorien, v. a. die Vorstellung von einem 'mittleren Charakter',
zu verwirklichen suchte.
Lessings letzte Wolfenbütteler Jahre waren geprägt durch den theologischen
Streit mit dem Hamburger Hauptpastor J. M. Goeze ('Anti-Goeze', 1778),
nachdem Lessing in den Wolfenbütteler Beiträgen 'Zur Geschichte und
Litteratur' (1773-81, 6 Bände) Teile der 'Apologie oder Schutzschrift
für die vernünftigen Verehrer Gottes' von H. S. Reimarus, einer rationalistischen
Bibelkritik, veröffentlicht hatte, ohne allerdings den Verfasser zu
nennen. Die von der Zensur untersagte Fortführung der Kontroverse veranlasste
Lessing zu seinem dramatischen Gedicht 'Nathan der Weise' (1779, Uraufführung
14. 4. 1783 Berlin). In engem Zusammenhang mit dem hier formulierten
Ideal der Toleranz und Humanität und seiner utopischen Zukunftsperspektive
stehen die letzten größeren Prosaschriften 'Ernst und Falk. Gespräche
für Freymäurer' (1778-80, 2 Teile) und 'Die Erziehung des Menschengeschlechts'
(vollständig 1780).
Lessing gilt als herausragender Vertreter der Ideale und Aktivitäten
der Aufklärung
in ihrem Eintreten für Vernunft, Freiheit, Menschlichkeit, gegen Vorurteil,
kirchliche Bevormundung und Fürstenwillkür. Sozialgeschichtlich wird
er als Befürworter der Emanzipation eines sich konstituierenden Bürgertums
verstanden. Schon seine schriftstellerischen Anfänge lieferten fundamentale
Kritik der deutschen zeitgenössischen Gesellschaft, diese Zeitschriftenbeiträge
waren die Grundlage für den Aufstieg der deutschen Literatur
zu weltliterarischer Geltung. Die kritischen und theoretischen Schriften
folgten der Grundüberzeugung Lessings, dass alle dogmatisch verfestigten
historischen Urteile neu überprüft werden müssen. Als erster moderner
deutscher Schriftsteller
gilt er, weil er schriftstellerische Produktions- und Distributionsmöglichkeiten
der neu entstandenen 'bürgerlichen Öffentlichkeit' auch ökonomisch (wenn
auch vergeblich) zu nutzen suchte. In seiner Schreibweise praktizierte
er das didaktische Prinzip der umfassenden Information und weiterführenden
Anregung, das dialogische
Moment, welches das Publikum zum Selbstdenken anregen soll, die Instrumentalisierung
der Philologie (v. a. der klassischen) als Mittel der Kritik und den
methodischen Weg, das Falsche als Voraussetzung der Erkenntnis des Wahren
zu erfassen. Seine Vielseitigkeit erweist sich sowohl in den zahlreichen
Gattungen,
die er beherrschte, wie auch in den Einflüssen und Tendenzen, die sich
in seinem Werk überschneiden: Anakreontisch-Geselliges steht neben Heroisch-Pathetischem
und Witzig-Manieristischem. Lessing entfernte sich von der Regelpoetik
der Gottschedschule und gelangte zu einer moralisch begründeten Wirkungspoetik.
Die starre Typik der Gottschedkomödie ersetzte er durch individuelle
Charaktere. Von der Forderung nach einer realistischen Bühnenhandlung
ist auch seine Tragödienauffassung bestimmt: Die konstituierenden Elemente
seines Dramas - als interpretierte Wirklichkeit - sind Mimesis als Prinzip
der Naturnachahmung, 'gemischte Charaktere' und die Katharsis als Mittel
der Erziehung zur bürgerlichen Moralität.
In die theologische Diskussion zwischen Orthodoxie und Neologie brachte
Lessing die Dimension der Geschichtlichkeit ein. Die Ringparabel des
'Nathan' verkündet, dass alle Konfessionen nur unterschiedliche historische
Formen eines gemeinsamen menschlichen Strebens nach Vollkommenheit sind.
In dieser Toleranzbotschaft gipfelt die deutsche Aufklärung. Die Aufführungsgeschichte
des Dramas in Deutschland - unter den Nationalsozialisten verboten,
nach 1945 eines der am häufigsten gespielten klassischen Stücke - beweist
seinen Stellenwert in der deutschen Geschichte.
Ausgaben:
Sämtliche Schriften, herausgegeben von K. Lachmann, 23 Bände (31886-1924,
Nachdruck 1968);
Werke. Vollständige Ausgabe in 25 Teilen, herausgegeben von J. Petersen
u. a., 25 Bände und 5 Ergänzungsbände (1925-35, Nachdruck 1970);
Werke, herausgegeben von H. G. Göpfert, 8 Bände (1970-79);
Werke in drei Bänden, herausgegeben von demselben (1982);
Werke und Briefe, herausgegeben von W. Barner u. a., auf 12 Bände in
14 Teilen berechnet (1985 folgende).
(Quelle: Brockhaus - Die Enzyklopädie: in 24 Bänden.
20., neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Mannheim: F. A. Brockhaus 1996-99.
Aktualisiert mit Artikeln aus der Brockhaus-Redaktion und ergänzt um
Verweise auf Munzinger-Texte. © Bibliographisches Institut F. A. Brockhaus
AG, Mannheim, und Munzinger-Archiv GmbH, Ravensburg; Redaktion Gerd
Gross)
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Bibliographie:
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Ehrungen und Auszeichnungen:
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Erich
Schmidt: Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften,
2 Bände (41923, Nachdruck 1983);
K. S. Guthke: Der Stand der Lessing-Forschung. Ein Bericht über
die Literatur 1932-1962 (1965);
derselbe: Lessing-Literatur. 1963-68, in: Lessing Yearbook, Band
1 (1969);
derselbe: Grundlagen der Lessing-Forschung. Neuere Ergebnisse,
Probleme, Aufgaben, in: Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung,
Band 2 (1975);
derselbe: G. E. Lessing (31979); S. Seifert: Lessing-Bibliographie.
(Berlin-Ost 1973);
D. Hildebrandt: Lessing. Biographie einer Emanzipation (1979);
G. E. Lessing, herausgegeben von G. und S. Bauer (21986);
Lessing. Epoche ? Werk ? Wirkung, bearbeitet von W. Barner u.
a. (51987);
D. Kuhles: Lessing-Bibliographie. 1971-1985 (Berlin-Ost 1988);
S. Sanna: Lessings 'Emilia Galotti'. Die Figuren des Dramas im
Spannungsfeld von Moral und Politik (1988);
dieselbe: Lessings 'Minna von Barnhelm' im Gegenlicht. Glück und
Unglück der Soldaten (1994);
W. Albrecht: Streitbarkeit und Menschlichkeit. Studien zur literarischen
Aufklärung Lessings (1993);
Lessings 'Nathan'. Der Autor, der Text, seine Umwelt, seine Folgen,
herausgegeben von H. Göbel (Neuausgabe 1993);
W. Drews: G. E. Lessing (122.?124. Tausend 1999);
M. Fick: Lessing-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung (2000). Lessing
Yearbook, Band 1 folgende (1969 folgende).
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(©
01.01.2007 Autor und Redaktion
Gerd
Gross) (letzte
Änderung 01.12.2007)
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