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Johann
Gottlieb Fichte
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Biographie:
Johann
Gottlieb Fichte; * 19. 05. 1762 in Rammenau bei Bischofswerda, †
29. 01. 1814 in Berlin; war ein deutscher Philosoph. Er ist neben
Schelling und Hegel
einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Idealismus:
Als der Sohn eines Bandwebers geboren, ging als 12 jähriger auf
die Stadtschule nach Meißen und bald nachher nach Schulpforta bei Naumburg,
bezog 1780 die Universität, zuerst Jena, dann Leipzig, um Theologie
zu studieren.Spinozas Schriften, die ihm in die Hände fielen, besonders
dessen "Ethik", die er eifrig las, brachten eine so große Aufregung
in ihm hervor, daß sein Beruf zur Philosophie von dem Zeitpunkt an entschieden
war. So nachhaltig war der Eindruck, obgleich er erst in der sogen.
zweiten Periode seines Philosophierens hervortrat, daß Herbart, sein
einstiger Zuhörer und späterer wissenschaftlicher Gegner, Fichtes spätere
Philosophie eine "idealistische Übersetzung von Spinozas Pantheismus"
genannt hat. Sein Verstand entschied sich für den Determinismus, sein
Gemüt aber, durchdrungen von dem moralischen Bewußtsein der Freiheit,
sträubte sich dagegen. Letzteres schien zwar die Oberhand zu gewinnen
und ihn für Kants transzendentale Freiheitslehre, die seiner energischen
Natur entsprach, empfänglicher zu machen; sein wissenschaftliches Ideal
aber blieb ein der Form des Spinozismus ähnliches einheitliches System,
und er übertrug es nachher auf seine Auffassung der Kantschen Philosophie.
Von 1788 bis 1790 Hauslehrer in Zürich, wo er seine nachherige Gattin
(seit 1793), Johanna Rahn, eine Nichte Klopstocks, zuerst kennen lernte,
seit 1790 in Leipzig, dann für kurze Zeit wieder Hauslehrer in Warschau,
warf er sich während mehrerer Jahre mit Feuereifer auf das Studium Kants,
ging, um dessen persönliche Bekanntschaft zu machen, 1792 nach Königsberg
und schrieb, um sich bei demselben würdig einzuführen, binnen vier Wochen
seinen "Versuch einer Kritik aller Offenbarung" (Königsb. 1792, 2. Aufl.
1793). Diese Schrift war so ganz im Geiste der kritischen Philosophie,
daß sie für ein Werk Kants gehalten wurde, bis dieser selbst den Verfasser
nannte, empfahl und dadurch mit einemmal zum berühmten Mann machte.
F. privatisierte hierauf einige Zeit in Zürich, verheiratete sich, hielt
Vorlesungen und beteiligte sich unter dem Eindruck des benachbarten
Frankreich und der republikanischen Schweiz lebhaft (obgleich nur theoretisch)
an der Politik. In den Schriften: "Beitrag zur Berichtigung der Urteile
des Publikums über die französische Revolution" (Jena 1793) und die
"Zurückforderung der Denkfreiheit, an die Fürsten Europas" (das. 1794)
beurteilte er aus dem Freiheitsbegriff der Kantschen Philosophie den
gegebenen Staat und die Rechtmäßigkeit der französischen Umwälzung.
Seine Beurteilung ist eine Verteidigung.
In Jena, wo nach Reinholds Abgang nach Kiel die Kantsche Philosophie
keinen Vertreter hatte, richtete Hufeland die Blicke des anfangs bedenklichen
weimarischen Ministeriums auf F. Im Mai 1794 traf F. in Jena ein. Für
seine Vorlesungen ließ er zwei Lehrbücher drucken, das eine, in Form
eines Programms, war die Schrift "Über den Begriff der Wissenschaftslehre
oder der sogen. Philosophie" (Weim. 1794, 2. Aufl. 1798); das andre
enthielt das neue System selbst: "Grundlage und Grundriß der gesamten
Wissenschaftslehre" (Jena 1794, 2 Tle.; 3. Aufl. 1802). Fichtes Auftreten
in Jena war von außerordentlichem Erfolg begleitet. Um auf die moralische
Bildung der Studierenden noch direkter einzuwirken, eröffnete er im
Wintersemester 1794/95 Vorlesungen "Über die Moral für Gelehrte" und
veröffentlichte eine Schrift: "Über die Bestimmung des Gelehrten" (Jena
1794). Als er aber auch das akademische Leben der Studenten reformieren
und zu dem Ende die bestehenden Studentenorden aufheben wollte, verwandelte
sich die ursprüngliche Begeisterung der Studenten für F. in solchen
Haß gegen ihn, daß er, von der Regierung ohne Schutz gelassen, Jena
im Sommer 1795 für einige Zeit verlassen mußte. Außer vielen einzelnen
Adhandlungen in Journalen erschienen von ihm damals die "Grundlage des
Naturrechts" (Jena 1796, 2 Tle.) und der "Geschlossene Handelsstaat"
(Tübing. 1800), worin er die Ausführbarkeit seiner allgemeinen Staatslehre
darzutun suchte. Als Gegenstück zum Naturrecht ist das "System der Sittenlehre"
(Jena 1798) zu betrachten.
Die Folgen der inzwischen in Jena eingetretenen Veränderung zeigten
sich, als im J. 1798 ein Sturm über Fichte von auswärts hereinbrach.
In dem "Philosophischen Journal" von Niethammer und Fichte (Bd. 8, Heft
1, Jena 1798) erschien ein Aufsatz von Forberg: "Entwickelung des Begriffs
Religion", wonach die Religion nur ein praktischer Glaube an eine moralische
Weltordnung sein sollte. Fichte hatte demselben eine einleitende Abhandlung:
"Über den Grund unsers Glaubens an eine göttliche Weltregierung", vorausgeschickt,
deren Grundgedanke war: "Unser sittliches Handeln sei unmittelbarer
Glaube an eine Ordnung der Dinge, in der das Gute nur aus dem Guten
hervorgehen könne, d. h. an eine moralische Weltordnung, und diese sei
das Göttliche selbst". Bald nach dem Bekanntwerden jener Aufsätze erschien
ein anonymes Schriftstück unter dem Titel: "Schreiben eines Vaters
an seinen Sohn über den Fichteschen und Forbergschen Atheismus", infolge
dessen die kursächsische Regierung zu Dresden die Konfiskation jener
beiden Aufsätze verfügte, das "Philosophische Journal" verbot und ein
Requisitionsschreiben an den weimarischen Hof sendete, worin sie diesen
ersuchte, die Verfasser und Herausgeber dieser Aufsätze nach Befinden
zu bestrafen. Fichte, überzeugt, der Angriff sei nicht so sehr gegen
den Atheismus als vielmehr gegen den freien Menschengeist gerichtet,
schrieb die "Appellation an das Publikum. Eine Schrift, die man erst
zu lesen bittet, ehe man sie konfisziert" (Jena u. Leipz. 1799). Der
Herzog von Weimar, dem Fichte diese Schrift überreichte, wollte Fichte
schonen und die Sache damit abmachen, daß er den angeklagten Professoren
einen Verweis zuerkannte. Fichte aber, davon in Kenntnis gesetzt, erklärte,
den Verweis nicht anzunehmen, indem er zugleich anzeigte, daß er denselben
mit seinem Entlassungsgesuch beantworten werde. Schon am 29. März gelangte
ein Reskript an den akademischen Senat, welches diesen beauftragte,
Fichte und Niethammer einen Verweis zu erteilen, und zugleich bemerkte,
daß man Fichtes Dimission genehmige. Fichte, der diese Wendung nicht
erwartet hatte, versuchte eine Zurücknahme der höchsten Entschließung
zu veranlassen, erhielt aber eine abschlägige Antwort. Dagegen ließ
ihn der preußische Minister v. Dohm nach Berlin einladen, wo Fichte
schon im Juli eintraf. Fichte selbst dachte unparteiisch genug, um das
Verfahren der weimarischen Regierung bei seiner Absetzung als gerecht
und durch seine eigne Herausforderung nötig geworden anzuerkennen. In
die Zeit dieses ersten Berliner Aufenthalts fällt die Abfassung der
Schriften: "Über die Bestimmung des Menschen" (Berl. 1800) und "Grundzüge
des gegenwärtigen Zeitalters" (das. 1806), denen, nachdem er (1805)
als Professor an die (damals preußische) Universität zu Erlangen versetzt
worden war, die "Vorlesungen über das Wesen des Gelehrten" (das. 1806)
folgten, worin er das Leben in der Idee als die einzig wahre, des Geistes
würdige Beschäftigung schilderte. Als bald darauf jene denkwürdige Katastrophe
eintrat, welche Preußens Macht ganz zu vernichten drohte, ging F. nach
Königsberg und 1807 über Kopenhagen wieder nach Berlin. Als die Regierung
den Entschluß faßte, in Berlin eine Universität zu errichten, wurde
Fichte mit der Ausarbeitung eines Plans beauftragt, der später unter
dem Titel: "Deduzierter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höhern
Lehranstalt" (Stuttg. 1817) gedruckt erschien, aber auf W. v. Humboldts
und Schleiermachers Betrieb als unpraktisch zurückgelegt ward. Höchst
einflußreich dagegen wirkte Fichte durch seine "Reden an die deutsche
Nation, gehalten im Winter 1807-1808" (Berl. 1808), in welchen er darauf
hinwies, daß das gesunkene deutsche Volkstum nur durch eine ganz neue
Erziehung, die das Übel an der Wurzel ausrotte und durch den Geist der
Gemeinschaft und Aufopferung die Selbstsucht vernichte, wiederherzustellen
sei.
Seit 1809 hielt Fichte als Professor an der neuen Universität Vorträge,
als deren Früchte die Schriften: "Die Wissenschaftslehre in ihrem ganzen
Umfang" (Berl. 1810) und "Die Thatsachen des Bewußtseins" (Tübing. 1817)
zu betrachten sind. Beim Beginn des Befreiungskriegs, in den ersten
Monaten des Jahrs 1813, gedachte F. das Hauptquartier als Redner zu
begleiten; ja, er war auch bereit, persönlich ins Feld zu ziehen. Beim
Abbrechen seiner Vorlesungen entließ er seine Zuhörer 19. Febr. 1813
durch eine Rede: "Über den Begriff des wahrhaften Kriegs" (gedruckt
Tübing. 1815, dann als Anhang zu den aus dem Nachlaß herausgegebenen
Vorträgen über Staatslehre, Berl. 1820). Im Wintersemester 1813/14 hatte
er seine Vorlesungen wieder angefangen, als seine vortreffliche Frau
nach fünfmonatlicher aufopfernder Krankenpflege in den Lazaretten vom
Nervenfieber befallen wurde. Sie genas; aber Fichte, von derselben Krankheit
ergriffen, starb schon 27. Jan. 1814 in Berlin.
Philosophie:
Die Philosophie Immanuel
Kants inspirierte ihn zu seiner am Begriff des Ich ausgerichteten
Wissenschaftslehre. Fichte sah eine rigorose und systematische Einteilung
zwischen den „Dingen wie sie sind“ und „wie die Dinge erscheinen“ (Phänomene)
als eine Einladung zum Skeptizismus. Ein utopisches Gesellschaftsmodell
findet sich in dem Werk "Der geschlossne Handelsstaat" von
1800.
Kein andrer deutscher Philosoph hat für die nationale Größe und Wiedergeburt
des deutschen Volkes eine so opfermutige Begeisterung selbst gehegt
und bei andern geweckt wie Fichte, der wenn nicht formell, doch dem
Geist nach dem "Tugendbund" angehörte. Das unvergängliche Andenken,
das er sich durch seine heldenmütigen Reden an die deutsche Nation gesichert,
ist durch die großartige Feier seines 100jährigen Geburtstags 19. Mai
1862, die nicht nur dem Denker, sondern auch dem Deutschen galt, bestätigt
worden.
Fichtes Philosophie knüpfte an Kant und zwar an dessen idealistischen
Faktor an. Kant hatte die Erfahrung für ein Produkt aus zwei Faktoren,
einem idealistischen und einem realistischen, erklärt. Jenen, das erkennende
Subjekt, betrachtete er als den Urheber der Form, diesen, das sogenannte
Ding an sich, als die Ursache der Materie der Erfahrungserkenntnis.
Ohne die a priori im Erkenntnisvermögen gelegenen reinen Anschauungsformen
des Neben- und Nacheinander (des Raums und der Zeit) würden wir Kant
zufolge keine räumlich und zeitlich angeordneten Sinnesempfindungen,
ohne das seiner Qualität nach übrigens unbekannt bleibende Ding an sich
überhaupt keine Empfindungen haben. Das Dasein desselben erkennen wir
eben mittels des Daseins der Empfindungen in uns. Da wir uns nicht bewußt
sind, dieselben selbst in uns hervorgebracht zu haben, so schließen
wir nach dem Kausalgesetz, daß jede Wirkung eine entsprechende Ursache
voraussetze, daß sie von irgend einer von uns selbst verschiedenen Ursache
(einem Ding an sich) hervorgebracht seien, ein solches demnach wirklich
existiere. Gegen diesen Schluß hatte schon G. E. Schulze (s. d.) die
Einwendung erhoben, daß das Kausalgesetz nach Kants eigener Lehre eine
dem Erkenntnisvermögen des Subjekts eigentümliche Urteilsform, die Folgerung
von der Existenz einer Wirkung auf die einer korrespondierenden Ursache
eine von seiten des urteilenden Subjekts zwar unvermeidliche, aber die
wirkliche Existenz derselben nichts weniger als verbürgende Nötigung
sei.
Fichte verstärkte den Einwand und bezeichnete die Folgerung, es müsse,
weil das Subjekt durch die Natur seines Erkenntnisvermögens genötigt
sei, ein Ding an sich als Ursache unsrer Empfindungen als existierend
zu denken, ein solches wirklich existieren, geradezu als einen Fehlschluß.
Fällt aber durch die Ungültigkeit des Schlusses von dem Dasein der Empfindungen
im Subjekt auf das Dasein eines von diesem verschiedenen Dinges an sich
der von Kant festgehaltene realistische Faktor der Erfahrungserkenntnis
weg, so bleibt nur der idealistische übrig, d. h. die Empfindungen (als
Materie der Erfahrung) sind ebensogut subjektiven Ursprungs wie die
Verknüpfung derselben im Neben- und Nacheinander (als Form der Erfahrung).
Es ist ferner nicht einzusehen, wie es überhaupt anders möglich sein
sollte, einen Bewußtseinsinhalt, d. h. eine nun einmal (in der Erfahrung
jedes Einzelnen) tatsächlich vorhandene Vorstellungswelt, zu besitzen,
wenn dieselbe durch die Mitwirkung eines vom Subjekt Verschiedenen zu
stande gekommen sein sollte, da ein solches, wenn obiger Schluß, auf
dem sein Dasein allein beruht, ein Fehlschluß ist, überhaupt nicht existiert.
Das einzige daher, aus welchem die tatsächlich im Bewusstsein vorhandene
Vorstellungswelt wirklich erklärt werden kann und daher auch muß, ist
das Subjekt, welches, da außer ihm nichts existiert, notwendig der Erzeuger
seiner gesamten Vorstellungswelt sein muß. (In ähnlicher Weise hatte
Spinoza, den Fichte in seiner Jugend studierte und hochhielt, aus der
notwendigen Einzigkeit der Substanz, außer welcher nichts wahrhaft sei,
gefolgert, daß alle sogen. Vielheit der Körper und Ideen nur Modifikation
ihrer Attribute sein könne.)
Die Aufgabe, welche Kants Philosophie gesteckt hatte, die gegebene Erfahrung
aus zwei Faktoren zu konstruieren, wurde von Fichte insofern beschränkt,
als er sie aus einem einzigen (dem Subjekt) konstruierte, zugleich aber
dahin bestimmt, Philosophie in Wissenschaft, d. h. (wieder nach dem
Vorbild Spinozas) in ein konsequentes, auf einem durch sich selbst gewissen
Fundament aufgebautes System, in welchem ein Satz den andern und das
Fundament alle trägt, zu verwandeln. Ersterer Umstand gab Fichtes Philosophie
den idealistischen, letzterer den Charakter einer Wissenschaftslehre,
d. h. einer Anweisung, wie ein durchaus und streng wissenschaftliches
Wissen zu stande zu bringen sei. Daß unter dem Subjekt oder, wie er
es nannte, dem Ich sein eignes persönliches (das Ich des Individuums
Fichte) gemeint sein sollte, als mache, spiegele er selbst sich die
Welt nur vor und sei eigentlich mit seiner Phantasmagorie allein im
Weltraum vorhanden, erklärte Fichte selbst für einen "unsinnigen und
bodenlosen Idealismus und Egoismus", den ihm "beleidigte Höflinge und
ärgerliche Philosophen" angedichtet hätten. Dasselbe wird von ihm (wie
das Erkenntnisvermögen von Kant) nicht im individuellen, sondern im
allgemeinen Sinn gefaßt, um begreiflich zu machen, wie in einem solchen
und durch ein solches ein Wissen überhaupt zu stande komme. Da der Schluß
von der Wirkung im Subjekt auf eine Ursache außer dem Subjekt keine
Geltung mehr hat, so kann auch der Schluß, dass Vorstellungen, die das
Subjekt in sich antrifft, ohne sich bewußt zu sein, sie selbst hervorgebracht
zu haben, von einem andern (dem Ding an sich) in ihm erzeugt seien,
keine Geltung mehr beanspruchen. Vielmehr müssen die Vorstellungen,
von deren Erzeugung das Ich nichts weiß, ebensogut durch dasselbe selbst
hervorgebracht sein wie diejenigen, bei welchen es sich seines Hervorbringens
bewußt ist. Es findet daher zwar nach wie vor ein Unterschied zwischen
im Bewußtsein angetroffenen (dem Anschein nach nicht vom Subjekt herrührenden)
und mit Bewußtsein hervorgebrachten (vom Subjekt selbst erzeugten) Vorstellungen
statt; aber der Ursprung derselben fällt gänzlich innerhalb, nicht bezüglich
der ersten außerhalb des Subjekts, d. h. die scheinbar nicht vom Ich
herrührenden Vorstellungen rühren von diesem ebensogut her wie die von
ihm selbst als von ihm herrührend gewußten. Was überhaupt im Subjekt
vorhanden ist, ist durch dieses gesetzt; dasjenige, bei welchem das
Subjekt (das Ich) dieser Setzung sich nicht bewußt ist, betrachtet es
zwar als durch ein andres (ein Nicht-Subjekt, Nicht-Ich) gesetzt, aber
nur, um es schließlich als seine Setzung (durch das Subjekt gesetzt)
wieder zurückzunehmen. Die drei Stufen dieses Prozesses, die Fichte
als Thesis, Antithesis und Synthesis bezeichnet, bilden das Instrument,
durch welches Fichte die ganze (Kant zufolge wenigstens dem materiellen
Bestandteil, den Empfindungen, nach von außen gegebene) Erfahrungswelt
in Taten des Ichs und die sogen. Transzendentalphilosophie, als Wissen
von dem Zustandekommen der Erfahrung, in Selbstbewußtsein des Ichs,
als Wissen von diesen Taten als den seinigen, auflöst. Nicht nur die
räumlichen und zeitlichen Formen der Empfindungen, die ja nach Kant
selbst schon dem Subjekt angehörten, sondern diese selbst müssen als
Taten des Ichs aufgezeigt werden. Fichte bezeichnete es als die eigentümliche
Aufgabe der Wissenschaftslehre, zu zeigen, wie die unwillkürlichen Vorstellungen,
das Sehen, Hören etc., aus eigner, zwar nicht gesetzloser, aber durch
nichts andres als durch die Natur des tätigen Subjekts selbst gebundener
Tätigkeit hervorgehen. Diese, die handelnde Intelligenz, findet sich
bei ihrer Produktion zwar in "unbegreifliche Schranken" eingeschlossen;
dieselben sind aber nichts weiter als die Folgen ihres eignen Wesens,
Gesetze der Intelligenz, und indem diese die Nötigung, von der ihre
bestimmten Vorstellungen begleitet sind, fühlt, empfindet sie nicht
einen Eindruck von außen, sondern ihr eignes Gesetz. Inwiefern der Idealismus
diese "einzige vernunftmäßige, bestimmte und wirklich erklärende" Voraussetzung
von notwendigen Gesetzen der Intelligenz macht, wird er von Fichte.
als der "kritische oder transzendentale", dagegen ein solcher, welcher
bestimmte Vorstellungen aus einem "gesetzlosen" Handeln ableitet, als
"transzendenter und bodenloser" bezeichnet. Feststehend nach Fichte
sind daher nur die Gesetze der nach seinem Willen nicht einmal als "Tätiges",
sondern als bloßes "Tun" anzusehenden Intelligenz; alles vermeintlich
ruhende Sein (die sogen. objektive, für den idealistischen Standpunkt
nur als Vorstellung im Ich vorhandene Welt) ist, ans Licht des Bewußtseins
gezogen, Gewordenes.
Durch diese Gesetze ist die Gestalt dieser Welt als das notwendige Produkt
des in "unbegreifliche Schranken" ihres Wesens eingeschlossenen Handelns
der Intelligenz begründet, d. h. die Welt unserer Vorstellungen kann
keine andere sein, als die Natur der Intelligenz, als ihrer ausschließlichen
Erzeugerin, es gestattet. Keineswegs aber sind dadurch jene Schranken
selbst und das in ihnen sich bewegende Handeln der Intelligenz begreiflich
gemacht. Soll dasselbe kein zweckloses und die durch dasselbe produzierte
Vorstellungswelt (die "Scheinwelt der sinnlichen Dinge") kein unbegreifliches,
nichtiges und ebendeshalb trügerisches Gaukelspiel sein, so muß demselben
und dadurch auch der sinnlichen Erscheinungswelt, ihrem Produkt, irgend
ein Zweck, eine vernünftige Absicht, allerdings nicht außerhalb des
Subjekts, da außer dem Ich nichts existiert, sondern innerhalb desselben,
zu Grunde liegen. Dieser Zweck, dessen Erweis Fichte in der Sittenlehre
versucht, liegt darin, daß das Ich Selbstzweck und die Erscheinung einer
Welt das einzige Mittel, d. h. die Bedingung zur Erreichung desselben,
ist. Handeln, das Wesen des Ichs, ist zugleich dessen absolute Bestimmung,
und da es ohne Erscheinung einer bestimmten Welt zu einem bestimmten
Handeln nicht kommen könnte, so liegt die Produktion der Erscheinungswelt
auf dem Weg zwischen dem Ich, wie es (potentialiter, der Möglichkeit
nach) an sich und (aktualiter, der Wirklichkeit nach) infolge seiner
eignen Selbstverwirklichung für sich ist. Kann Wirksamkeit überhaupt,
also auch jene des Ichs, gar nicht gedacht werden ohne den Gegensatz
von Innen und Außen, Subjekt und Objekt, von etwas, wovon sie aus-,
und etwas, auf was sie hingehen muss: so bildet der absolut durch das
Ich selbst gesetzte Zweck das eine, der rohe Stoff der Welt das andre
Ende; die Setzung und Bewältigung des letztern zur Realisierung und
Bewährung des erstern macht die Bestimmung des Ichs aus. "Unsere Welt",
lehrt Fichte, "ist das versinnlichte Material unserer Pflicht; dies
ist das eigentliche Reelle in den Dingen, der wahre Grundstoff aller
Erscheinung." Die Realität der Welt beruht nicht auf einem Wissen, sondern
(ähnlich wie nach Kants Postulierungsmethode der praktischen Vernunft
für diese das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele) auf einem
bloßen Glauben, der seinerseits in der Notwendigkeit wurzelt, das Pflichtgebot
zu realisieren, welches sich ohne eine Welt nicht realisieren läßt.
Die aus der ursprünglichen Einrichtung unsrer (subjektiven) Natur ausgeborne
(idealistische) Welt ist daher zwar nur das Spiegelbild dieser, die
Offenbarung unserer selbst; das Ganze aber ist eine durchaus moralische
Anordnung und dient moralischen Zwecken. "Diese lebendige moralische
Ordnung ist Gott"; eines anderen bedürfen wir nicht und können keinen
anderen fassen, denn der Schluß, dass, wo Ordnung sich kundgebe, ein
Ordner vorauszusetzen sei, "wird durch den Verstand gemacht und gilt
nur auf dem Gebiet der sinnlichen Erfahrung". Ihm Bewußtsein zuschreiben
hieße ihn in Schranken einschließen, d. h. vermenschlichen; ein Bewußtsein
ohne Schranken wäre ein "für uns ganz unbegreifliches Wissen"; "jeder
Begriff von der Gottheit würde ein Abgott". Das einzige wahrhaft Absolute,
das erste und einzige Ansich, das dem Menschen gegeben ist, ist "das
Postulat einer übersinnlichen Weltordnung". Dieser berufene "Atheismus"
Fichtes, der nach dem vorigen nicht nur die Herabsetzung der sogen.
wirklichen zu einer bloßen Erscheinungswelt, sondern zugleich die Abstreifung
jeglicher, auch der Bewußtseinsschranken, auf welchen das Dasein der
Erscheinungswelt beruht, vom Göttlichen (also wie die Gotteslehre Spinozas
vielmehr Akosmismus) ist, bildet nun die Vermittlung zwischen Fichtes
sogen. erster und zweiter Philosophie, zwischen welcher Nachfolger und
Zeitgenossen (wie Hegel und Schelling) eine weite Kluft (der letztere,
anfänglich Fichtes begeisterter Bewunderer, sogar eine Aneignung ihm
eigener Ideen) zu finden glaubten.
Wahr ist, daß in jener, welcher die Schriften bis zum Jahr 1800 angehören,
das Postulat der übersinnlichen Weltordnung den End-, in den Schriften
der zweiten Periode (1800-1814), namentlich in der Schrift von der Bestimmung
des Menschen, den Ausgangspunkt bildet. Wird jene, "das einzige wahre
Absolute", "Gott", von den unbegreiflichen Schranken, in welchen das
menschliche Ich als handelnde Intelligenz sich "gefangen" findet, aufsteigend
nur erreicht, wenn die Schranke von diesem schlechthin weggedacht, die
endliche Intelligenz zur unendlichen (ebendarum "für uns unbegreiflichen")
erweitert wird, so kann umgekehrt, vom Absoluten ausgehend, zum Menschlichen
nur herabgestiegen werden, wenn das an sich Schrankenlose in die Schranken
des menschlichen Bewußtseins gefasst, das unendliche Ich zum endlichen
(ebendarum "begriffenen") verengert wird. Damit ist zugleich ausgesprochen,
daß das unendliche Ich nicht in einem, sondern nur in einer unendlichen
Menge endlicher Ichs (wie Spinozas unendliche Substanz nur in einer
unendlichen Menge von Modifikationen) seine Verwirklichung finden kann,
deren jedes für sich ebensosehr ein (in sich beschlossenes) Ich wie
im Verhältnis zu den übrigen ein (für diese abgeschlossenes) Nicht-Ich
darstellt und durch Erfüllung seiner besondern den auf dasselbe entfallenden
Teil der allgemeinen Bestimmung, der Selbstverwirklichung des Absoluten
(der moralischen Ordnung, Gottes), realisiert und dadurch (auf seinem
Standpunkt) die "übersinnliche Welt", das "einzige Absolute", mit verwirklicht.
Wie auf dem Standpunkt der Sittenlehre zwischen dem Ich als Selbstzweck
und dessen Verwirklichung die sinnliche Scheinwelt als Mittel und Bedingung
zu dieser, so liegt zwischen dem Absoluten (der zu realisierenden moralischen
Ordnung) und dessen Verwirklichung die Welt der endlichen Ichs, d. h.
die in einer Vielheit leiblich getrennter Vernunftwesen vollzogene Versinnlichung
des Übersinnlichen als Mittel und Bedingung seiner Selbstrealisierung.
Die Phasen, welche die letztere nacheinander durchläuft, gaben F. den
Anhaltspunkt zu einer ebenso großartigen wie tief ethischen Philosophie
der Geschichte, deren Grundlage die Einheit des Menschengeschlechts
in Gott, deren Endziel die Wiedervereinigung desselben in diesem ist.
In der "Anweisung zum seligen Leben" (vom Jahr 1806) werden von ihm
drei Perioden unterschieden: in der ersten steht der Mensch (das endliche
Ich) auf dem egoistischen Standpunkt sinnlicher Glückseligkeit, ist
sein Wille nicht eins mit dem göttlichen, sondern im Gegensatz zu diesem;
in der zweiten steht derselbe auf dem Punkte der Wahl zwischen dem eignen
und dem göttlichen Willen (Standpunkt des Gesetzes); in der dritten
eignet er sich das Gesetz freiwillig an, womit aller Gegensatz zwischen
dem Menschen und Gott aufhört, die reine und freie Moralität, der Zustand
der Seligkeit beginnt, "der Mensch in Gott versinkt" und "Gott alles
in allem ist". Daß diese seine spätere Philosophie, die Hegel höhnisch
eine "für Kotzebue" nannte, von seiner anfänglichen nicht dem Wesen,
sondern höchstens dem Ausdruck nach verschieden sei, hat Fichte ausdrücklich
(gegen Schelling) behauptet. Neuere Darsteller (insbesondere Fichtes
Sohn, Löwe, Rob. Zimmermann u. a.) haben dargetan, daß die vermeintliche
Kluft sich ebne, wenn man von rückwärts am Faden des Spinozismus sich
zu Fichtes Anfängen zurückfindet. Eine eigentliche Schule hat Fichte
nicht gebildet, sondern es haben nur einzelne, namentlich Schad, Mehmel,
Cramer, Schmidt, Michaelis u. a., seine Lehre adoptiert. Gleichwohl
ist Fichtes Einfluß auf die folgende Entwickelung der deutschen Philosophie
so bedeutend, daß in ihm allein der Schlüssel zu allem Verständnis der
Neuern liegt, in dem nicht nur Schelling und Hegel auf der von ihm zuerst
eingeschlagenen Bahn der Spekulation weiterschritten, sondern selbst
deren Antipode Herbart durch das im Fichteschen "Ich" liegende Problem
auf die Grundaufgabe seiner Metaphysik hingeleitet worden zu sein selbst
bekennt, Schopenhauer
aber in der ersten Hälfte seiner Weltanschauung, in der "Welt als Vorstellung",
ganz mit Fichte übereinstimmt.
Fichte war spätestens seit 1794 Mitglied einer Freimaurerloge in Rudolstadt.
Er trat allerdings nach einigen Jahren wieder aus.
Werke:
"Sämtliche Werke" (Berl. 1845-46, 8 Bde.)
"J. G. Fichtes Leben und litterarischen Briefwechsel" (2. Aufl., Leipz.
1862, 2 Bde.)
"Charakteristik der neuern Philosophie" (2. Aufl., Sulzb. 1841)
Löwe, Die Philosophie Fichtes nach dem Gesamtergebnis ihrer Entwickelung
und in ihrem Verhältnis zu Kant und Spinoza (Stuttg. 1862)
Noack, J. G. Fichte nach seinem Leben, Lehren und Wirken (Leipz. 1862)
Zimmer, J. G. Fichtes Religionsphilosophie (Berl. 1878)
(Quelle: Meyers Konversationslexikon, Wikipedia, Die
freie Enzyklopädie; ergänzt mit eigene Recherchen, Redaktion
Gerd Gross)
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Bibliographie:
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Ehrungen und Auszeichnungen:
{Text20.4}
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Johann
Gottlieb Fichte von Peter Rohs Broschiert - C.H.Beck Erscheinungsdatum:
Mai 1991 ISBN: 3406346332
Johann Gottlieb Fichte von Wilhelm G. Jacobs Broschiert - Rowohlt
Tb. Erscheinungsdatum: Januar 1984 ISBN: 3499503360
Philosophische Bibliothek, Bd.457, System der Sittlichkeit / Critik
des Fichteschen Naturrechts. von Georg Wilhelm Friedrich Hegel,
Horst D. Brandt (Herausgeber), Kurt Reiner Meist (Herausgeber)
Broschiert - 126 Seiten - Meiner Erscheinungsdatum: April 2002
ISBN: 3787311149
Sein als Freiheit von Andres Quero-Sanchez Gebundene Ausgabe -
Alber Erscheinungsdatum: Juli 2004 ISBN: 3495481168
Johann Gottlieb Fichte, Grundlage des Naturrechts von Jean-Christophe
Merle Broschiert - Akademie-Verlag Erscheinungsdatum: Juli 2001
ISBN: 3050030232
Fichte und seine Zeit : Beiträge zum vierten Kongress der Internationalen
Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft in Berlin vom 03.-08. Oktober
2000 von Hartmut Traub (Herausgeber) Taschenbuch ISBN: 9042011645
Fichte in Geschichte und Gegenwart : Beiträge zum vierten Kongress
der Internationalen-Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft in Berlin
vom 3.-8. Oktober 2000 von Helmut Girndt (Herausgeber) Taschenbuch
ISBN: 9042008458
Fichte und die Literatur : Beiträge des vierten Kongresses der
Internationalen Johann Gottlieb Fichte Gesellschaft, Berlin 3.-8.
Oktober 2000, Ergänzungen von Helmut Girndt (Herausgeber), Klaus
Hammacher (Herausgeber) Taschenbuch ISBN: 9042014393
Zur Wissenschaftslehre : Beiträge zum vierten Kongress der Internationalen
Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft in Berlin vom 03.-08. Oktober
2000 Taschenbuch ISBN: 904201184X
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(©
01.01.2007 Autor und Redaktion
Gerd
Gross) (letzte
Änderung 01.01.2007)
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