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Biographie:
Otto
Julius Bierbaum;
Sohn eines Gastwirts und Konditors der in Dresden und Leipzig
aufwächst. Sein schulischer Weg führt ihn von der
Thomaschule, an der er seine Matura ablegt weiter nach Zürich,
Leipzig, München und Berlin; studiert Jura, Sinologie und Philosophie
(auch Chinesisch); in Leipzig tritt er dem Corps Thuringia bei.
Seit 1887 schreibt er Rezensionen
und Feuilletons
für verschiedene Zeitungen, u.a. für die Wiener "Neue Freie
Presse"; als Journalist, Kritiker und Schriftsteller.
Wegen des Bankrotts seines Vaters gibt er 1889 sein Studium
auf; leistet in Leipzig seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger.
Er bestreitet 1890 den Lebensunterhalt für sich und seine Eltern
als Korrespondent des Berliner "Börsen-Couriers" in
München. Freundschaft mit Detlev von Liliencron, Oskar Panizza
und Hanns von Gumpenberg. Freundschaftliche Beziehungen zu Michael
Georg Conrad und seinem Kreis, der ihn in seinen kunsttheoretischen
Auffassungen nachhaltig beeinflußt. Mitbegründer der von Conrad
geleiteten "Gesellschaft für modernes Leben" in München.
In deren Publikationsorgan "Moderne Blätter" ist Bierbaum
einer der eifrigsten Schreiber. Mitarbeiter der naturalistischen
Zeitschrift "Die Gesellschaft". 1891 gründet Bierbaum
seine erste literarische Zeitschrift "Modernes Leben. Ein
Sammelbuch der Münchner Modernen".
1891 wird er in München als Herausgeber des "Modernen Musenalmanachs"
(1892-93) tätig, in dem vor allem junge bürgerlich-oppositionelle
Autoren gedruckt werden. 1893 zieht Bierbaum nach Berlin und
erlebt idyllische Tage am Tegeler See. Als Nachfolger von Wilhelm
Bölsche übernimmt Bierbaum für vier Monate die Redaktion der
Zeitschrift "Die freie Bühne" in Berlin, die er in
»Neue Deutsche Rundschau« umbenennt. Wegen Differenzen mit dem
Verleger Samuel Fischer gibt er die Stellung auf. Verkehr im
Freundeskreis des deutsch-polnischen Schriftstellers Stanislaw
Przybyszewski.
1894 gründet er zusammen mit Richard Dehmel, Julius Meier-Graefe,
Alfred Lichtwark und Eberhard Freiherr von Bodenhausen den "Pan"
eine avantgardistischen Kunstzeitschrift. Es werden 1895 berühmte
europäische Illustratoren verpflichtet. Nach dem Versuch der
Zeitschrift ein kosmopolitisches Gepräge zu geben, werden sie
vom konservativen Vorstand aus der Redaktion ausgeschlossen.
Mit Max Dauthendey und Frank Wedekind stellt er Überlegungen
zur Gründung einer Kabarettbühne, eines "reisenden literarischen
Tingel-Tangels", an.
1897 geht er als Redakteur des "Simplicissimus" nach
München. Nach einer gescheiterten Ehe leidet er unter Depressionen
und Alkoholismus. Aufenthalt in einer Kurklinik in Marbach.
Dann wird sein bekanntester Roman "Stilpe, der Freiherrn
Ernst von Wolzogen" publiziert, was ihn außer zu wohlwollender
Kritik auch zu seinem Kabarett Überbrettl anregt. Unter dem
Pseudonym Martin Moebius legt er 1898 "Steckbriefe erlassen
hinter dreißig literarischen Übeltätern" vor, eine satirische
Porträtsammlung seiner Schriftstellerkollegen. Bierbaum wird
1899 – zusammen mit Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander
Schröder – Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Insel",
aus der der Insel-Verlag hervorgeht. Es treten ernsthafte Gesundheitliche
Probleme auf.
Ein Jahr später übernimmt er die Leitung des "Trianon-Theaters"
in Berlin, das jedoch nach der Premiere geschlossen wird. Mitarbeit
am Münchner Kabarett "Die Elf Scharfrichter". Der
"Lustige Ehemann" wird zum populären Kabarettschlager
der Jahrhundertwende. 1901 heiratet Bierbaum die 18jährige Italienerin
Gemma Pruneti-Lotti. Auch diese Ehe läuft nicht normal,
nachts wird gearbeitet und tags geschlafen, beide führen
ein Einzelleben nebeneinander. 1902 nimmt er wieder eine neue
Tätigkeit in seinem bewegtem Leben auf: Bierbaum wird Mitherausgeber
der Wiener Wochenschrift "Die Zeit".
1903 erscheint sein Reisebuch "Eine empfindsame Reise im
Automobil"; eine Fahrt, die das Ehepaar Bierbaum 1902 mit
einem Cabrio der Marke "Adler" von München über
Prag und Wien, Südtirol bis nach Italien, hauptsächlich
Neapel bis nach Sizilien führt; die Rückreise erfolgt
über den Gotthardpass in der Schweiz. Er schreibt darüber
für zwei Wiener Zeitungen den Reisebericht "Mit der Kraft
Automobilia". Es ist das erste Autoreisebuch der deutschen
Literatur.
1905 wird er zum Mitherausgeber des "Goethe-Kalenders"
(erneut 1907 und 1908). 1907 zieht es Otto Julius Bierbaum in
die alte Heimat nach Dresden zurück. Obwohl Bierbaum ohne
Pause zu arbeiten scheint erlangt er keine finanzielle Freiräume.
Otto Julius Bierbaum stirbt am 01.02.1910 in Kötzschenbroda,
heute Stadtteil von Radebeul.
Wirken:
Um die Jahrhundertwende war Bierbaum einer der am häufigsten
gelesenen Lyriker. Thomas Mann schrieb, als Bierbaum, mit dem
er München als Ort des Wohnens, Arbeitens und vor allem Wohlbefindens
teilte, gestorben war: "Es könnte sein, daß manch sangbares
Lied seines Mundes noch lebt, wenn vieles, was heute gewichtiger
dünkt, vergessen ist". Bierbaum gibt sich als Lyriker
(z. B. "Irrgarten der Liebe", 1901) unbekümmert-burschikos;
ist dabei ein Meister bewusster Stilisierung,
der den Ton des Volkslieds,
des Minnesangs,
der Anakreontik,
der Romantik
beherrscht. Als Erzähler
wird er besonders mit dem Roman
"Stilpe" (1897), der Lebensschilderung eines Bohemiens,
und mit "Prinz Kuckuck" (1906-07, 3 Bände), einer
satirischen
Schilderung der wilhelminischen Zeit (auch als Schlüsselroman
aufgefasst), bekannt; schreibt auch Dramen
und Reiseberichte
Durch seinen Roman
"Stilpe" Anreger zur Gründung des "Überbrettls"
E. v. Wolzogens; Anreger und Förderer der Buchkunst und Bibliophilie.
- Bierbaum wechselt zwischen Naturalismus,
Impressionismus
und Dekadenz und der literarischer
Bohème, ist angehöriger Schriftsteller auf allen Gebieten, vielseitig
und regsam als literarischer Vermittler auch vergangener Stilformen.
Als Lyriker in den Masken von Minnesang, Rokoko, Anakreontik,
Biedermeier,
Romantik
und Volkslied erfolgreicher Syntheseimpressionist. Erhebt den
Impressionismus
durch Nuancierung mit traditionellen Formen und Themen der Liebes-
und Naturlyrik, galant und mit melodiös tändelndem Spiel. In
liedhaften Wortlockerung im Stil
Liliencrons, dennoch anspruchsloser (bis zum Bierulk), daher
eingängiger sein Umgang mit Lyrik.
Auch sentimental-humoristische Chansons gehöhren zu seinen
Genres.
Fällt als Erzähler anfangs mit naturalistischer
Skizzen, dann wechselnd leichter, z. T. in gesucht kommerziellen
Erzählungen
und fortsetzend in grotesk-satire,
ironischer Zeitromane mit aktueller Wirkung gegen das Philistertum
auf. Ferner hinterlässt er Singspiele, und Künstlerbiographien.
(© 03.07.2006 Autor und Redaktion Gerd
Gross)
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Bibliographie:
1890 Liliencrons Gedichte,
1891 Deutsche Lyrik von heute
1892 Modernes Leben, (Gedichte)
1892 Erlebte Geschichte
1892-97 Studentenbeichten, 2 Bände (Erzählung)
1893 Moderner Musen-Almanach,
1894 Nemt, Frouwe disen Kranz,
1895 Lobetanz (Singspiel)
1896 Die Freiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen
Herrn Pankrazius Graunzer, der Schönen Wissenschaften Doktor,
nebst einem Anhange wie schließlich alles ausgelaufen, (Roman)
1896 Die Schlangendame (Roman)
1897* Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive, Berlin
1898 Kaktus und andere Künstlergeschichten, (Erzählungen)
1899 Stuck, (Essay),
1899 Herausgeber von Der bunte Vogel,
1899 Das schöne Mädchen von Pao, (Roman)
1899 Gugeline, (Drama)
1900 Deutsche Chansons, (Anthologie)
1900 Pan im Busch (Ballett)
1901 Irrgarten der Liebe, (Gedichtband)
1903 Eine empfindsame Reise im Automobil, (Reisebericht)
1903 Stella und Antonie. Drama in vier Aufzügen,
1904 Das seidene Buch. Eine lyrische Damenspende
1905 Zäpfel Kerns Abenteuer, (Kindererzählung nach Carlo Collodi)
1905 Das höllische Automobil, (Novellen)
1906-1908 Prinz Kuckuck. Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt
eines Wollüstlings, (Roman, 3 Bände)
1907 Maultrommel und Flöte,
1908 Die Haare der heiligen Fringilla,
1908 Sonderbare Geschichten (Erzählungen)
1909 Yankeedoodlefahrt (Reisebericht),
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Ehrungen und Auszeichnungen:
Sind keine bekannt.
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Ackerman, Roy L.: "Bildung" and "Verbildung" in the Prose Fiction
Works of Otto Julius Bierbaum. Bern u. Frankfurt/M. 1974.
Brandenburg, Hans; Conrad, Michael Georg u. Anna Croissant-Rust
(Hrsg.): Otto Julius Bierbaum zum Gedächtnis. München 1912.
Conrad, Michael Georg: Der Starnberger See. Einiges aus meinen
Erinnerungen an O. J. Bierbaum. In: Otto Julius Bierbaum zum
Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg, Michael Georg Conrad
u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S. 16 - 35.
Croissant-Rust, Anna: Vom jungen Bierbaum. In: Otto Julius Bierbaum
zum Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg, Michael Georg Conrad
u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S. 39 - 61.
Droop, Fritz: Otto Julius Bierbaum, ein deutscher Lyriker. -
Leipzig : Hesse & Becker, 1912
Holeczek, Bernhard Maria: Otto Julius Bierbaum im künstlerischen
Leben der Jahrhundertwende. Freiburg/Schweiz 1973. • Klement,
Alfred von: Otto Julius Bierbaum-Bibliographie. In: Das Antiquariat
12 (1956) Nr. 3/4. S. 29 - 32 und S. 58 - 62. Nr. 5/6. S. 96
- 98. Nr. 7/8. S. 135 - 138. Nr. 9-12. S. 176 - 180. Nr. 13
- 16. S. 217f. Nr. 17/18. S. 262 - 265.
Krüche, Arno: Otto Julius Bierbaum als Patient. In: Otto Julius
Bierbaum zum Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg, Michael
Georg Conrad u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S. 141 -
155.
Klaus P. Muschol, Klaus P: Otto Julius Bierbaums dramatische
Werke. - München : Univ., 1961
Pilar, Ute von: Studenten-, Künstler- und Bohemefiguren im Erzählwerk
Otto Julius Bierbaums. Beziehungen zwischen Außenseitern und
bürgerlicher Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mainz
1995. (= Gardez! Hochschulschriften. Bd. 1.) [Zuvor: Diss. Mainz
1994]
Prellwitz, Gertrud: "Novella d'Andrea". Schauspiel in 4 Aufzügen
von Ludwig Fulda. "Stella und Antonie". Ein Schauspiel in 4
Aufzügen von Otto Julius Bierbaum. In: Preußische Jahrbücher
(1904) Bd. 116. S. 168 - 172. [Zu Bierbaums Schauspiel: S. 171
f.]
Stankovich, Dushan: Otto Julius Bierbaum. Eine Werkmonographie.
Bern u. Frankfurt/M. 1971.
Wilkening, William H.: Otto Julius Bierbaum`s Relationship with
his Publishers. Göppingen 1975. • Wilkening, William H.: Otto
Julius Bierbaum - The Tragedy of a Poet. A Biography. Stuttgart
1977.
William H. Wilkening: Otto Julius Bierbaum. - Stuttgart : Heinz,
1977
Wolzogen, Ernst von: Die Tragödie eines deutschen Dicherlebens.
In: Otto Julius Bierbaum zum Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg,
Michael Georg Conrad u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S.
93 - 115.
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(©
03.07.2007 Autor und Redaktion
Gerd
Gross) (letzte
Änderung 14.08.2008)
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