Deutschsprachige Schriftsteller
Otto Julius Bierbaum

Pseudonym Martin Möbius, Grünberg in Schlesien * 28.06.1865, Dresden (Radebeul) † 01.02.1910; war deutscher Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker des Naturalismus, Romantik, Biedermeier und Impressionismus:

Biographie:

Otto Julius Bierbaum;
Sohn eines Gastwirts und Konditors der in Dresden und Leipzig aufwächst. Sein schulischer Weg führt ihn von der Thomaschule, an der er seine Matura ablegt weiter nach Zürich, Leipzig, München und Berlin; studiert Jura, Sinologie und Philosophie (auch Chinesisch); in Leipzig tritt er dem Corps Thuringia bei. Seit 1887 schreibt er Rezensionen und Feuilletons für verschiedene Zeitungen, u.a. für die Wiener "Neue Freie Presse"; als Journalist, Kritiker und Schriftsteller. Wegen des Bankrotts seines Vaters gibt er 1889 sein Studium auf; leistet in Leipzig seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger.

Er bestreitet 1890 den Lebensunterhalt für sich und seine Eltern als Korrespondent des Berliner "Börsen-Couriers" in München. Freundschaft mit Detlev von Liliencron, Oskar Panizza und Hanns von Gumpenberg. Freundschaftliche Beziehungen zu Michael Georg Conrad und seinem Kreis, der ihn in seinen kunsttheoretischen Auffassungen nachhaltig beeinflußt. Mitbegründer der von Conrad geleiteten "Gesellschaft für modernes Leben" in München. In deren Publikationsorgan "Moderne Blätter" ist Bierbaum einer der eifrigsten Schreiber. Mitarbeiter der naturalistischen Zeitschrift "Die Gesellschaft". 1891 gründet Bierbaum seine erste literarische Zeitschrift "Modernes Leben. Ein Sammelbuch der Münchner Modernen".

1891 wird er in München als Herausgeber des "Modernen Musenalmanachs" (1892-93) tätig, in dem vor allem junge bürgerlich-oppositionelle Autoren gedruckt werden. 1893 zieht Bierbaum nach Berlin und erlebt idyllische Tage am Tegeler See. Als Nachfolger von Wilhelm Bölsche übernimmt Bierbaum für vier Monate die Redaktion der Zeitschrift "Die freie Bühne" in Berlin, die er in »Neue Deutsche Rundschau« umbenennt. Wegen Differenzen mit dem Verleger Samuel Fischer gibt er die Stellung auf. Verkehr im Freundeskreis des deutsch-polnischen Schriftstellers Stanislaw Przybyszewski.


1894 gründet er zusammen mit Richard Dehmel, Julius Meier-Graefe, Alfred Lichtwark und Eberhard Freiherr von Bodenhausen den "Pan" eine avantgardistischen Kunstzeitschrift. Es werden 1895 berühmte europäische Illustratoren verpflichtet. Nach dem Versuch der Zeitschrift ein kosmopolitisches Gepräge zu geben, werden sie vom konservativen Vorstand aus der Redaktion ausgeschlossen. Mit Max Dauthendey und Frank Wedekind stellt er Überlegungen zur Gründung einer Kabarettbühne, eines "reisenden literarischen Tingel-Tangels", an.


1897 geht er als Redakteur des "Simplicissimus" nach München. Nach einer gescheiterten Ehe leidet er unter Depressionen und Alkoholismus. Aufenthalt in einer Kurklinik in Marbach. Dann wird sein bekanntester Roman "Stilpe, der Freiherrn Ernst von Wolzogen" publiziert, was ihn außer zu wohlwollender Kritik auch zu seinem Kabarett Überbrettl anregt. Unter dem Pseudonym Martin Moebius legt er 1898 "Steckbriefe erlassen hinter dreißig literarischen Übeltätern" vor, eine satirische Porträtsammlung seiner Schriftstellerkollegen. Bierbaum wird 1899 – zusammen mit Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander Schröder – Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Insel", aus der der Insel-Verlag hervorgeht. Es treten ernsthafte Gesundheitliche Probleme auf.

Ein Jahr später übernimmt er die Leitung des "Trianon-Theaters" in Berlin, das jedoch nach der Premiere geschlossen wird. Mitarbeit am Münchner Kabarett "Die Elf Scharfrichter". Der "Lustige Ehemann" wird zum populären Kabarettschlager der Jahrhundertwende. 1901 heiratet Bierbaum die 18jährige Italienerin Gemma Pruneti-Lotti. Auch diese Ehe läuft nicht normal, nachts wird gearbeitet und tags geschlafen, beide führen ein Einzelleben nebeneinander. 1902 nimmt er wieder eine neue Tätigkeit in seinem bewegtem Leben auf: Bierbaum wird Mitherausgeber der Wiener Wochenschrift "Die Zeit".

1903 erscheint sein Reisebuch "Eine empfindsame Reise im Automobil"; eine Fahrt, die das Ehepaar Bierbaum 1902 mit einem Cabrio der Marke "Adler" von München über Prag und Wien, Südtirol bis nach Italien, hauptsächlich Neapel bis nach Sizilien führt; die Rückreise erfolgt über den Gotthardpass in der Schweiz. Er schreibt darüber für zwei Wiener Zeitungen den Reisebericht "Mit der Kraft Automobilia". Es ist das erste Autoreisebuch der deutschen Literatur.

1905 wird er zum Mitherausgeber des "Goethe-Kalenders" (erneut 1907 und 1908). 1907 zieht es Otto Julius Bierbaum in die alte Heimat nach Dresden zurück. Obwohl Bierbaum ohne Pause zu arbeiten scheint erlangt er keine finanzielle Freiräume.

Otto Julius Bierbaum stirbt am 01.02.1910 in Kötzschenbroda, heute Stadtteil von Radebeul.

Wirken:

Um die Jahrhundertwende war Bierbaum einer der am häufigsten gelesenen Lyriker. Thomas Mann schrieb, als Bierbaum, mit dem er München als Ort des Wohnens, Arbeitens und vor allem Wohlbefindens teilte, gestorben war: "Es könnte sein, daß manch sangbares Lied seines Mundes noch lebt, wenn vieles, was heute gewichtiger dünkt, vergessen ist". Bierbaum gibt sich als Lyriker (z. B. "Irrgarten der Liebe", 1901) unbekümmert-burschikos; ist dabei ein Meister bewusster Stilisierung, der den Ton des Volkslieds, des Minnesangs, der Anakreontik, der Romantik beherrscht. Als Erzähler wird er besonders mit dem Roman "Stilpe" (1897), der Lebensschilderung eines Bohemiens, und mit "Prinz Kuckuck" (1906-07, 3 Bände), einer satirischen Schilderung der wilhelminischen Zeit (auch als Schlüsselroman aufgefasst), bekannt; schreibt auch Dramen und Reiseberichte

Durch seinen Roman "Stilpe" Anreger zur Gründung des "Überbrettls" E. v. Wolzogens; Anreger und Förderer der Buchkunst und Bibliophilie. - Bierbaum wechselt zwischen Naturalismus, Impressionismus und Dekadenz und der literarischer Bohème, ist angehöriger Schriftsteller auf allen Gebieten, vielseitig und regsam als literarischer Vermittler auch vergangener Stilformen. Als Lyriker in den Masken von Minnesang, Rokoko, Anakreontik, Biedermeier, Romantik und Volkslied erfolgreicher Syntheseimpressionist. Erhebt den Impressionismus durch Nuancierung mit traditionellen Formen und Themen der Liebes- und Naturlyrik, galant und mit melodiös tändelndem Spiel. In liedhaften Wortlockerung im Stil Liliencrons, dennoch anspruchsloser (bis zum Bierulk), daher eingängiger sein Umgang mit Lyrik. Auch sentimental-humoristische Chansons gehöhren zu seinen Genres. Fällt als Erzähler anfangs mit naturalistischer Skizzen, dann wechselnd leichter, z. T. in gesucht kommerziellen Erzählungen und fortsetzend in grotesk-satire, ironischer Zeitromane mit aktueller Wirkung gegen das Philistertum auf. Ferner hinterlässt er Singspiele, und Künstlerbiographien.





(© 03.07.2006 Autor und Redaktion Gerd Gross)
Bibliographie:

1890 Liliencrons Gedichte,
1891 Deutsche Lyrik von heute
1892 Modernes Leben, (Gedichte)
1892 Erlebte Geschichte
1892-97 Studentenbeichten, 2 Bände (Erzählung)
1893 Moderner Musen-Almanach,
1894 Nemt, Frouwe disen Kranz,
1895 Lobetanz (Singspiel)
1896 Die Freiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer, der Schönen Wissenschaften Doktor, nebst einem Anhange wie schließlich alles ausgelaufen, (Roman)
1896 Die Schlangendame (Roman)
1897* Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive, Berlin
1898 Kaktus und andere Künstlergeschichten, (Erzählungen)
1899 Stuck, (Essay),
1899 Herausgeber von Der bunte Vogel,
1899 Das schöne Mädchen von Pao, (Roman)
1899 Gugeline, (Drama)
1900 Deutsche Chansons, (Anthologie)
1900 Pan im Busch (Ballett)
1901 Irrgarten der Liebe, (Gedichtband)
1903 Eine empfindsame Reise im Automobil, (Reisebericht)
1903 Stella und Antonie. Drama in vier Aufzügen,
1904 Das seidene Buch. Eine lyrische Damenspende
1905 Zäpfel Kerns Abenteuer, (Kindererzählung nach Carlo Collodi)
1905 Das höllische Automobil, (Novellen)
1906-1908 Prinz Kuckuck. Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings, (Roman, 3 Bände)
1907 Maultrommel und Flöte,
1908 Die Haare der heiligen Fringilla,
1908 Sonderbare Geschichten (Erzählungen)
1909 Yankeedoodlefahrt (Reisebericht),

Ehrungen und Auszeichnungen:

Sind keine bekannt.

Sekundärliteratur

Ackerman, Roy L.: "Bildung" and "Verbildung" in the Prose Fiction Works of Otto Julius Bierbaum. Bern u. Frankfurt/M. 1974.

Brandenburg, Hans; Conrad, Michael Georg u. Anna Croissant-Rust (Hrsg.): Otto Julius Bierbaum zum Gedächtnis. München 1912.

Conrad, Michael Georg: Der Starnberger See. Einiges aus meinen Erinnerungen an O. J. Bierbaum. In: Otto Julius Bierbaum zum Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg, Michael Georg Conrad u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S. 16 - 35.

Croissant-Rust, Anna: Vom jungen Bierbaum. In: Otto Julius Bierbaum zum Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg, Michael Georg Conrad u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S. 39 - 61.

Droop, Fritz: Otto Julius Bierbaum, ein deutscher Lyriker. - Leipzig : Hesse & Becker, 1912

Holeczek, Bernhard Maria: Otto Julius Bierbaum im künstlerischen Leben der Jahrhundertwende. Freiburg/Schweiz 1973. • Klement, Alfred von: Otto Julius Bierbaum-Bibliographie. In: Das Antiquariat 12 (1956) Nr. 3/4. S. 29 - 32 und S. 58 - 62. Nr. 5/6. S. 96 - 98. Nr. 7/8. S. 135 - 138. Nr. 9-12. S. 176 - 180. Nr. 13 - 16. S. 217f. Nr. 17/18. S. 262 - 265.

Krüche, Arno: Otto Julius Bierbaum als Patient. In: Otto Julius Bierbaum zum Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg, Michael Georg Conrad u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S. 141 - 155.

Klaus P. Muschol, Klaus P: Otto Julius Bierbaums dramatische Werke. - München : Univ., 1961

Pilar, Ute von: Studenten-, Künstler- und Bohemefiguren im Erzählwerk Otto Julius Bierbaums. Beziehungen zwischen Außenseitern und bürgerlicher Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mainz 1995. (= Gardez! Hochschulschriften. Bd. 1.) [Zuvor: Diss. Mainz 1994]

Prellwitz, Gertrud: "Novella d'Andrea". Schauspiel in 4 Aufzügen von Ludwig Fulda. "Stella und Antonie". Ein Schauspiel in 4 Aufzügen von Otto Julius Bierbaum. In: Preußische Jahrbücher (1904) Bd. 116. S. 168 - 172. [Zu Bierbaums Schauspiel: S. 171 f.]

Stankovich, Dushan: Otto Julius Bierbaum. Eine Werkmonographie. Bern u. Frankfurt/M. 1971.

Wilkening, William H.: Otto Julius Bierbaum`s Relationship with his Publishers. Göppingen 1975. • Wilkening, William H.: Otto Julius Bierbaum - The Tragedy of a Poet. A Biography. Stuttgart 1977.

William H. Wilkening: Otto Julius Bierbaum. - Stuttgart : Heinz, 1977

Wolzogen, Ernst von: Die Tragödie eines deutschen Dicherlebens. In: Otto Julius Bierbaum zum Gedächtnis. Hrsg. v. Hans Brandenburg, Michael Georg Conrad u. Anna Croissant-Rust. München 1912. S. 93 - 115.

(© 03.07.2007 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 14.08.2008)
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