Lyrik - Lyrik
allgemein
Lyrik
|
[französisch,
zu griechisch lyrikós 'zum Spiel der Lyra gehörend'] die, -,
poetische Gattung, ursprünglich zur Lyrabegleitung vorgetragene
Gesänge; gilt seit dem 18. Jh. neben Epik
und Dramatik
als eine der drei literarischen Grundgattungen.
Lyrische Dichtung, die in Europa bei den Griechen erstmals fassbar
ist, erwuchs in allen Kulturkreisen aus mythisch-religiösen
Vorstellungen wie auch aus dem Alltagsleben. Aufgrund ihrer
Nähe zum einfachen Lied
ist Lyrik die Ursprungsform der Dichtung
schlechthin. Ihr kaum greifbarer Formenreichtum entzieht sich
einer einfachen Begriffsbestimmung. Diese Schwierigkeit spiegelt
sich auch in Literaturwissenschaft und -geschichte, wo der Lyrik
im Vergleich zu Epik
und Dramatik
weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, obgleich ihr Stellenwert
im Nationalbewusstsein v.a. kleinerer Völker besonders hoch
ist.
Explikation:
Im europäischen Raum zuerst nachweisbar bei den Griechen,
entwickelte sie sich genauso in anderen Kulturkreisen (arab.,
chin., ind., poly. usw. Lyrik) im Zusammenhang mit dem Mythos
(Beschwörung,
Zauberspruch,
Totenklage,
Kinder-, Arbeits-, Kriegslied). Indem die Lyrik in zunehmendem
Maße verhältnismäßig "unmittelbar" und beschleunigt existentielles,
historisches und soziales Sein der Völker, ihrer Klassen und
Individuen zu gestalten, auf Gelegenheiten zu reagieren vermochte,
entwickelte sie im Lauf ihrer Geschichte einen großen Formenreichtum.
Ihre ursprüngliche Bindung an Gesang und Musik ist nie gänzlich
verlorengegangen. In der sozialistischen Literatur, der Poetologie
sozialistischer Schriftsteller
sowie in der materialistischen Gattungstheorie gewinnt sie zunehmend
an Bedeutung, was Begriffe wie "Sprechweise", "Gestus"
u.a. belegen (die oft komplizierte Vermittlungen zu diesem Sachverhalt
herausarbeiten). Lyrik wird daher oft als die Urform der Dichtung
bezeichnet; eine Relativierung dieser These scheint jedoch angesichts
der unterschiedlichen nationalliterarischen Entwicklungstendenzen
geboten. Als Hauptgattung wurde Lyrik - neben Epik
(vgl. Epik)
und Dramatik
(vgl. Dramatik)
- erst im 18.Jh. klassifiziert bzw. typologisiert; in der internationalen
Lyrikforschung sieht sich der an Goethe-Zeit, Romantik
und Th.
Storm orientierte deutsche Lyrikbegriff zunehmend
der Kritik ausgesetzt.
Wie die Begriffe "Lyrik" oder "lyrisches Gedicht"
sich erst um 1778 - mit M.
Mendelssohns Aufsatz "Von der lyrischen Poesie"
- durchzusetzen begannen, so gingen auch die vorhegelschen Gattungsbeschreibungen
von dem subjektiven und gefühlsmäßigen Bedingungen der Lyrik
aus (W. Hinderer). Der Zusammenhang von "empirischen -"
und "lyrischen
Ich" entspricht nach K.
Pestalozzie historisch dem Zusammenhang von Lyrik
und Selbstbewußtsein; er macht den goetheschen Gedichttyp verantwortlich
für die Einseitigkeiten in Hegels
Lyrikbestimmung (Reflexivität, zu eindeutige Relation des lyrischen
Ich zum Dichter,
die Bestimmung des Inhalts als Gemütsäußerung) und sieht eine
Verwechslung von empirischen und lyrischen Ich, realem und lyrischen
Erlebnis in der Goethe-Zeit.
Ein Zusammenhang zwischen relativer Stabilisierung eines typologischen
Grundmusters und der ihr zugrunde liegenden Fassung der Individualitätsproblematik
im Goethschen Werk als Ausdruck einer neuen historischen Stufe
menschlichen und gesellschaftlichen Produktivitätsentfaltung
ist unverkennbar. Obwohl Hegels Definition der Lyrik "subjektiver"
ist als die Goethes, verringert sich in typologisch-historische
Betrachtung beider Differenz: die Geschichtlichkeit des lyrischen
Ichs ist wesentliche Voraussetzung auch in Hegels Denken. Wenn
die griechische Polis mit der Blütezeit der griechischen Lyrik
in produktiven Zusammenhang gebracht worden ist, so hält auch
Hegel Zeiten der Lyrik für besonders günstig, "die schon
eine mehr oder weniger fertig gewordene Ordnung der Lebensverhältnisse
herausgestellt haben" (Ästhetik);
die Gefahren aus der Verabsolutierung der lnnerlichkeit scheinen
Hegel am Beispiel der Romantik
nicht entgangen zu sein. In historischer Raffung, aber mit typologischer
Gültigkeit und Bedeutsamkeit (vgl. die
Wirkungen im 20. Jh.) ist mit dem Erlebnisgedicht
des 18. Jh. ein relativ stabilisierter Gedichttyp beschreibbar,
der weniger an Formkriterien gebunden (Genre,
Vers
und Strophenform)
ist, sondern viel eher durch eine Methode der lyrischen Abbildung
und mit ihr korrespondierende kommunikative Züge geprägt ist:
scheinbare "Unmittelbarkeit" und das "Naturwüchsige"
einer Ich-Aussage über erlebte Wirklichkeit (Fiktives und Artifizielles
dieser Ich-Aussage bestehen gerade in der Erzeugung des Scheins
von Urwüchsigkeit). Liedhafte Schlichtheit umschreibt dabei
den Sachverhalt, dass in exemplarischer Situation individuellen
Erlebens Selbstbestimmung im Einklang mit Gegenstand, Welt und
Gesellschaft gestaltet ist (Natur-, Landschafts-, Liebesgedicht).
Die kritischen Vorwürfe gegen diese Auffassung vom Erlebnisgedicht
gehen in folgende Richtung:
| a) |
Tendenz zum Klischee, zur trivialisierten Apologetik in
der Bourgeoisgesellschaft (z. B. Heimatlieder); |
| b) |
Befestigung
traditioneller Erwartungsmuster, die sich hemmend auswirken
auf die Rezeption von Lyrik, die anderen methodischen
Verfahren und Traditionen verpflichtet ist (die verschiedenen
Lyrikdiskussionen in der DDR; W. Höllerers Plädoyer von
1965 für das lange Gedicht im Bezugsfeld der spätbürgerlichen
Lyrik als "Chance", das lyrische Subjekt wieder mit
historische Bewußtseinsqualitäten anzureichern); |
| c) |
zu
verkürzte Sicht auf das weltliterarische lyrische Erbe,
insbesondere auf seine Ursprünge, wodurch eine historisch
fundierte Lyriktheorie nicht möglich ist. |
Letzteres zeigen schon wenige Fakten: Die regelmäßigen japanischen
Gedichtformen; die hymnische Dichtung der Inder wie im Rigveda,
später die lehrhafte Spruchdichtung und Lyrik mit erotischen
Inhalten etwa bei Kalidasa um die Wende vom 4. zum 5.Jh. ( vgl.
indische Versmaße und Strophenformen); hymnische
Dichtung der Ägypter (Totenklagen,
Verehrung der Sonne. Hymnus auf Aton): die kunstvollen babylonisch-assyrischen
Hymnen, die in der von religiösem Pathos,
aber auch vom Sinnlich-Diesseitigen getragenen hebräischen
Lyrik zu erkennen sind (Psalmen, Liebeshymne Mirjams usw.):
die arabische Lyrik des Mittelalters
mit Tolenklagen. Kriegs- und Liebesliedern sowie Spruchdichtung
(vgl. arabische
Versmaße und Strophenformen), wobei z.B. Ghasel
(vgl. Ghasel)
und Kasside
(vgl. Quassida)
auch von der persischen Lyrik übernommen wurden-, schließlich
kennt die Lyrik der Griechen neben der Festdichtung zu verschiedenen
Anlässen und von Einzelinterpreten vorgetragenen monodischen
Gedichten (Alkaios, Sappho. Anakreon) auch Spottdichtung (Semonides,
Hipponax), Totenklage (vgl. Totenklage),
Elegie (vgl. Elegie)
und Epigramm (vgl. Epigramm).
Allein die Geschichte der dt. Lyrik hat vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten
hervorgebracht, die nicht unter das Erlebnisgedicht zu subsumieren
sind: Spruch,
Epigramm,
Ode,
Elegie
und weiträumige hymnische Formen (Klopstock,
Schiller,
Hölderlin,
Rilke,
Stadler, Trakel,
Celan,
Maurer, Becher, Bobrowski
u.a.); selbst Traditionen des Liedes
lassen sich nur bedingt dem Erlebnisgedicht zuordnen. Gesellige
Lieder, Volkslieder, politisches Lied u.a. sind eher von einer
kollektiven gruppen- bzw. klassenspezifischen Subjektivität
denn von (fiktiver) lyrischen Selbstaussage her strukturiert.
Lyrische Texte lassen sich von Sprechweise, Aussagestruktur
und sprachlicher Äquivalenzen als "objektzentriert" (beschreibend,
reflexiv, auch emotional bewegt und ergriffen von großen, überindividuellen
Gegenständen; Hymnen,
Weltanschauungsgedicht) oder "subjektzentriert; (erlebnis-
oder gefühlsbezogen) bezeichnen "Objektzentrierte- lyrische
Verfahren sind von besonderer Bedeutsamkeit im Hinblick auf
innovatorische Leistungen in der Lyrikgeschichte. Typologisch
wesentlich und traditionsstiftend war z.B, Klopstocks Lyrik
(der Wille, dem großen Gegenstand Dominanz zu verleihen: strukturelles
Zurücktreten des Subjekts hinter den Gegenstand mit starker
emotionaler Beteiligung als Kunstleistung, keine erlebnishafte
und identifikative Ich-Aussprache) oder in anderem historischen
Kontext Brecht
(mit Verweis auf die "Sprechweise des Verfassers" als poetologische
Innovation). Auch das Erlebnisgedicht ist in verschiedenen historisch-politischen
Kommunikationskreisen zur Innovation fähig, fassbar im Vorgang
von Anknüpfung und Abstoßung (zur "Profanisierung" der
Lyrik im Sinne des Abstoßens von einem lyrischen Muster der
Eindrücke bei Heine,
Brecht,
V.
Braun, Enzensberger
u.a., die gegenläufige Tendenz der Anhebung ins Lyrische im
Sinne des Erlehnisgedichts, etwa in Brechts "An die Nachgeborenen",
in "Aragons" und Nerudas Lyrik).
Exploration:
Das historisch fundierte Allgemeine der Lyrik als (Haupt-)Gattung
genauer herauszuarbeiten, steht als eine Forschungsaufgabe vor
der Literaturwissenschaft. Sowohl "subjekt-" als auch "objektzentrierte"
lyrische Texte müssen im Hinblick auf eine aktuelle Interpretationstheorie
erfasst werden. Hypothesen dazu wären folgende:
| Lyrik
ist eine spezifische poetische Darbietungs- und Kommunikationsweise,
deren Wesenszug ein besonderer Sprechcharakter (nicht
bloß im Sinne des gesprochenen Worts) ist (Goethe sprach
von Lyrik als "höchster Rhetorik"). Dieser
äußert sich auf verschiedene Weise: |
| a) |
als
Ansprechen mit einem direkten rhetorischen Gestus (etwa
Goethes "Prometkeus-Ode" oder Rilkes Anrufung
des "Herrn" im "Herbsttag"), |
| b) |
als
Aussprechen der Gedanken, Gefühle, Vorstellungen und Urteile
einer lyrischen Figur, die in konzentrierter Ich-Aussage
aufgebaut ist, |
| c) |
als
Schildern, Vorzeigen bzw. Demonstrieren von Vorgängen,
Verhaltensweisen und Figuren auf episch-dramatischer Gegenstandsebene
(die Ballade [vgl. Ballade]und
verwandte Formen). |
| Zu
unterscheiden ist zwischen: |
| a) |
Sprechweise
(lyrischer Gestus, besonderer Mitteilungscharakter), die
auch lyrische Subjektivität (vgl. Subjektivität)
genannt werden könnte, und |
| b) |
der
der Subjektgestaltung, also der gestalteten, im Gedicht
erscheinenden Subjekte (z.B. Ich-Aussage oder Figuren
in dramatisch-epischen Vorgängen). |
Darbietung und Mitteilung in der Lyrik ermöglichen oft eine
rasche Überschaubarkeit (die nichtt sofort zum inhaltlichen
Erfassen führen muss). Die unmittelbare Reproduktion (Auswendiglernen,
Rezitieren, Singen) gestattet intensiv-, Beschäftigung und Wiederholung:
Der Leser oder Sänger kann sich das Gedicht völlig aneignen
und zum Ausdruck seiner Haitungen, Gefühle, Stimmungen machen;
zudem hat Lyrik besondere Darbietungsmöglichkeiten Rezitation,
Gesang, Zeitung, Verbreitung auf Flugblättern). Daraus ergeben
sich relativ stabile
| a) |
Rhythmus |
| b) |
Vers |
| c) |
gegebenenfalls
Metrum (1 Versmaß) |
| d) |
Reim |
| e) |
Strophe |
| f) |
Bild |
Konzentration |
|
|
Sinnverdichtung
und Bedeutungsintensität |
|
|
Aussparung und Abbreviatur |
|
|
beschleunigtes
Tempo der Subjektvorführung |
|
|
die
"Dreieinigkeit" von Autor, Adressat und dargestelltem
Subjekt im widerspruchsvollen Zusammenspiel |
Zur Sprechweise und dem Sprechcharakter der Lyrik korrespondiert
eine besondere "Sprachverwendungsweise" (E. Austermühl);
dieser Terminus ist vor allem in Hinblick auf die Interpretation
moderner Lyrik wichtig. Dazu gehört der besondere Stellenwert
der ungewöhnlichen Metapher
oder Chiffre,
des "evokativen Äquivalents" (H.-O. Burger, D. Schlenstedt,
K.-D. Hähnel); die "absolute" oder "radikale"
Metapher kann auf einen totalen Wirklichkeitsverlust des Dichters
verweisen, aber auch neue Möglichkeiten der Erkundung von moderner
Wirklichkeit erschließen.
Historisierung ist notwendig, da sich soziale und geschichtliche
Komponenten der Lyrik der "modernite" (Baudelaire) in einem
z.T. dogmatischen Kanon
von poésie pure - im Unterschied zu einer poésie
engagée - verflüchtigt haben (verstanden als Fahnenworte
in Auseinandersetzungen um eingreifende, politisch-sozial und
epochal relevante Dichtung
- besonders Lyrik - von mobilisierender Bedeutung). Andererseits
werden leicht wirkliche konstruktive Leistungen der "modernen"
Lyrik verdeckt, obwohl vor allem franzözische Einflüsse
der poésie pure des l'art pour I'art und Symbolismus
oder auch des Surrealismus auf die zeitgenössische Sozialistische
Lyrik unbestritten sind (A. Lunacarski, Éluard, Aragon,
P. Neruda, Becher, Hermlin, E. Arendt u.v.a.; dasselbe trifft
erst recht auf die große bürgerliche Lyrik - im Deutschen von
S.
George und Rilke
über den Expressionismus
bis Celan
- und schließlich die literaturtheoretischen und linguistischen
Theoriebildung des 20. Jh. zu. So ist auch, vermittelt über
die Leistungen der russischen Formalen Schule (vgl. Formale
Schule)(vgl. Literarizität,
vgl. Poetizität)
in produktiver Auseinandersetzung u.a. mit den Arbeiten der
Moskauer und Tartuer semiotischen Schule der marxistischen Literaturwissenschaft
die Diskussion um das Problem der poetischen Sprachverwendung
in Gang gekommen ( vgl. linguistische
Methoden in der Literaturwissenschaft, Semiotik).
--
(Quelle: Wörterbuch der Literaturwissenschaften:
hrsg. von Claus Träger. - 2. Auflage, Leipzig: Bibliographisches
Institut, 1989; 714 S.; ISBN 3-323-00015-3; S. 324-327; Autor:
K.-D. Hähnel)
Typologie: (s.h. auch Lyriktheorie)
Zu den Gattungsformen der Lyrik gehören u.a. das Lied in seinen
vielen Variationen, die Ode,
die Elegie,
die Hymne,
kunstvolle, strenge Formen wie das Sonett,
kurze, prägnante wie das Epigramm.
Die Durchdringung lyrischer mit epischen und dramatischen Elementen
brachte die Ballade
hervor. Als konstante Elemente der Lyrik können im Wesentlichen
Rhythmus,
Vers
und Metrum
genannt werden, nur teilweise Reim
und Strophe.
Oft sind an den Gesetzmäßigkeiten, denen eine Form unterliegt,
noch die Regeln und Möglichkeiten derjenigen Sprache sichtbar,
in der die Form ihren Ursprung hatte (so liegt allen romanischen
Formen die lateinische Metrik zugrunde). Andere Einteilungen
unterscheiden nach dem Inhalt (Liebeslyrik, politische Lyrik
usw.), auch nach dem Maß und der Art des Anteils dichterischer
Subjektivität (Stimmungslyrik, Erlebnislyrik, Gedankenlyrik).
Als literarische Gattung, die am offensten ist für alle Arten
von Experimenten (z. B. mit dem Lautgedicht) lebt sie mehr von
den rhythmischen, klanglichen und bildhaften als von den erklärenden
Möglichkeiten der Sprache.
Historie:
Älteste Zeugnisse lyrischer Dichtung, Götter- und Königshymnen,
stammen aus der babylonisch-assyrischen Überlieferung, aus der
altägyptischen Literatur
sind auch Arbeits-, Kriegs- und zum Teil sehr kunstvolle Liebeslieder
erhalten. Früher Höhepunkt lyrischer Subjektivität ist der 'Sonnengesang'
des Königs Echnaton. Enthusiastisch-hymnisch war auch die alte
hebräische Lyrik, wie sie in den Psalmen und im Hohen Lied überkommen
ist. In der fernöstlichen und in der arabischen Literatur
fand die Lyrik schon früh Ausdrucksformen, die über Jahrhunderte
hinweg als Muster und Maßstab galten: Die im altchinesischen
'Shi-jing' ('Buch der Lieder', wahrscheinlich vor 500 v. Chr.)
zusammengestellten Dichtungen beeinflussten die Entwicklung
der chinesischen Lyrik bis in die Gegenwart. Ähnliches gilt
für die Sammlung 'Manyōshū' (um 760), die älteste
der offiziellen japanischen Lyrikanthologien. Die klassische
indische (Sanskrit-)Lyrik erreichte ihren Höhepunkt bereits
mit Kalidasa (um 400). Auch die klassischen Formen der arabischen
Lyrik, Ghasel
und Kasside,
wurden schon im 8. Jh. ausgebildet und hatten ihre Blütezeit
im 10./11. Jh.. Für diese Literaturen
ist die Erstarrung der lyrischen Formen typisch. Sie wurde frühestens
im 19. Jh. aufgebrochen, erst im 20. Jh. begann eine zögernde
Erneuerung durch die Rezeption
westeuropäischer beziehungsweise amerikanische Vorbilder.
Antike:
Die abendländische Lyrik ist griechischen Ursprungs. Sie begann
vorwiegend als Festdichtung. Zur Lyrik im engeren Sinn zählte
nur das zur Leier gesungene Lied
(melische Dichtung): die dorische Chorlyrik (Alkman, Stesichoros,
Ibykos, Simonides, Pindar, Bakchylides) und die dem äolisch-ionischen
Sprachraum (Lesbos) entstammende, von einem Einzelinterpreten
vorgetragene monodische Lyrik (Terpandros, Alkaios, Sappho,
Anakreon). Unter dem Einfluss der hellenistischen steht die
römische Lyrik. Catull, Tibull, Properz wie auch Ovid übernahmen
v. a. die Elegie,
Horaz die Ode,
Martial das Epigramm.
Europäisches Mittelalter:
Die nachantike europäische Lyrik wurzelte in den antik-christlichen
Bildungstraditionen und wurde fast ausschließlich in lateinischer
Sprache verfasst. Seit dem 9./10. Jahrhundert waren die Klosterschulen
Pflegestätten v. a. geistlicher Gesänge (Sequenzen) und der
Lehrdichtung. Weltlicher Inhalt hatte die Vagantendichtung.
Eine nationalsprachliche Lyrik entwickelte sich etwa seit dem
11. Jahrhundert. Neben die religiöse (Mariendichtungen, Pilgerlieder)
trat schon früh die weltliche Dichtung. Die Minnelyrik hat ihren
Ursprung in der höfischen Kultur Südfrankreichs (Minnesang,
Troubadour). Mit der Kanzone
schuf sie sich die ihr eigene Form, die in Italien von Dante,
später von Petrarca zur höchsten Vollendung geführt wurde. Auch
das Sonett,
für viele Jahrhunderte die beliebteste lyrische Form, wurde
in Italien erfunden, wohl im Kreis der Sizilianischen Dichterschule.
Andere Formen der romanischen Lyrik des Mittelalters sind Sestine
und Madrigal.
Die frühe Lyrik der Iberischen Halbinsel ist in den Cancioneiros
gesammelt und überliefert. Die deutschsprachige Lyrik verarbeitete
meist die romanischen Anregungen (aus der provenzalisch Alba
wurde das mittelhochdeutsche
Tagelied), mit der Spruchdichtung
schuf sie für lehrhafte Inhalte eine eigene Form. Im Spätmittelalter
verlor die Minnelyrik ihre Unmittelbarkeit. In Italien erreichte
sie im Dolce stil nuovo noch einmal einen Höhepunkt, nun in
transzendentaler Ausprägung. In Deutschland nahm im 15. Jahrhundert
der Meistersang
unter bürgerliches Vorzeichen die Traditionen des Minnesangs
auf. Eine Ausnahmeerscheinung Ende des Mittelalters
war der Franzose F. Villon. Seine der höfischen Tradition entgegengesetzten
Lieder spiegeln persönliche Erfahrungen und die Schrecknisse
der Zeit wider.
Humanismus
und Renaiccance:
Mit der Rückbesinnung auf die antike Kultur wurden wieder die
antiken lyrischen Gattungen
gepflegt, sowohl in lateinischer als auch in der Volkssprache.
Vorbildhaft wirkte v. a. die italienische Lyrik, deren neu geschaffene
Formen in anderen Sprachen nachgebildet wurden. Das Sonett
erhielt durch Petrarca seine klassische Ausprägung. Die Nachahmung
seiner Dichtungen beherrschte als Petrarkismus bis ins 18. Jahrhundert
die europäische Literatur.
Weitere bedeutende Vertreter der italienischen Renaissancelyrik
sind u. a. Michelangelo und T. Tasso. Besonders stark war der
petrakistische Einfluss in Spanien (Garcilaso de la Vega), wo
seine Bilderwelt auch für religiöse Inhalte verwendet wurde
(Johannes vom Kreuz). Die französische Lyrik der Renaissance
war zunächst durch die Dichtungen
der Rhétoriqueurs bestimmt, die an den überkommenen Formen Rondeau,
Blason und Ballade
festhielten (ähnlich die niederländischen Rederijkers), wenig
später nutzten die Dichter
der Pléiade die antiken Gattungen
(v. a. Ode
und Elegie),
um die Ebenbürtigkeit der französischen Sprache mit der lateinischen
und italienischen zu beweisen. In England wandelte Shakespeare
das Sonett zu einer eigenen Variante ab, die unter seinem Namen
in die Literaturgeschichte
einging. Die deutsche Lyrik dieser Zeit war zum größten Teil
Gelegenheitsdichtung nach lateinischen Mustern. Wichtigste und
folgenreichste Neuerung war das protestantische Kirchenlied,
wie es durch Luther geschaffen wurde. Nationalsprachliche Lyrik
gab es seit der Renaissance
auch in Osteuropa, bedeutend in Polen die Dichtungen von J.
Kochanowski und Rej z Nagłowic.
17. und 18. Jahrhundert:
Im 17. Jahrhundert folgte die Lyrik den stilistischen Merkmalen
des Barock.
Besonders von Spanien gingen dabei neue Impulse aus: Lyrik de
Góngora y Argote schuf mit dunklen Metaphern überwucherte Dichtungen
von äußerster Kunstfertigkeit, die gelehrter Interpretation
bedurften (Culteranismo). Ähnliche Intentionen verfolgte der
italienische Marinismus, in Frankreich die der preziösen Literatur
zugehörige Lyrik, in England die Dichtungen der Metaphysical
Poets (J. Donne). Barocke
Lyrik entstand auch in den (katholischen) Ländern Ost- und Südosteuropas,
v.a. im kroatischen Ragusa (herausragend I. Gundulić).
Die deutsche Lyrik der Barockzeit
erwuchs im Wesentlichen aus dem geselligen Leben. Zahlreiche
Dichterkreise und -schulen wetteiferten in der Hervorbringung
lyrischer Werke. Besonders fruchtbar waren die beiden schlesischen
Dichterschulen (zur 1. gehörten u.a. M.Opitz
und P. Fleming, zur 2. C.
Hofmann von Hofmannswaldau) und der Königsberger
Dichterkreis (S. Dach). Die wichtigste Neuerung der Zeit war
die Reform von Opitz, die den Wort- und Versakzent in der deutschen
Metrik
in Übereinstimmung brachte. Das protestantische Kirchenlied
erreichte in den schlichten, innigen Liedern von P. Gerhardt
einen Gipfelpunkt. Persönliche Bekenntnis bieten auch die Gedichte
von J. C. Günther, die über die zeitgenössische konventionelle
Gelegenheitslyrik hinausweisen.
Die rationalistische Frühaufklärung
griff in ihrem lyrischen Schaffen auf die antiken Formen zurück,
suchte die Sprache und ihre dichterische Gestaltung frei von
Regelverstößen zu halten, brachte aber wenig Zeitüberdauerndes
hervor. Frühe Beispiele finden sich bei dem Engländer J. Dryden,
eine neue Schlichtheit des Empfindens äußert sich in den lehrhaften
Gedichten von H.
Brockes, in den Naturdichtungen von A. von Haller
und E.
C. von Kleist; außerordentlich populär waren die
Dichtungen C. F. Gellerts.
In Italien pflegten die Arkadier eine Dichtung, die der barocken
Sprache des Marinismus eine neue 'arkadische' Einfachheit entgegensetzen
sollte (u. a. P. Metastasio). Diese Mode der Schäferpoesie äußerte
sich in Deutschland in der Anakreontik. Überragende Gestalt
der Lyrik der deutschen
Aufklärung war F.
G. Klopstock. Seine kühnen metrischen
Neuerungen (u. a. Verwendung freier Rhythmen),
seine leidenschaftliche Ausdruckskraft bereiteten die Lyrik
der klassischen deutschen Dichtung vor. Derbe Sinnlichkeit und
Lebenslust beherrschen die Lieder
des Schweden C. M. Bellman, die bis in die Gegenwart lebendig
geblieben sind. Für die russische Lyrik brachte der Klassizismus
eine sprachliche und inhaltliche Modernisierung (A. Cantemir,
M. W. Lomonossow).
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts verloren die klassizistischen
Gestaltungsmuster an Anziehungskraft (eine Ausnahme bildet das
Werk des Franzosen A. Chénier, das allerdings erst im 19. Jahrhundert
berühmt wurde). Die Lyrik der Empfindsamkeit, die bereits um
die Jahrhundertmitte in England von T. Gray, E. Young und J.
Thomson vorbereitet wurde, suchte formale und inhaltliche Anregungen
bei der Volksdichtung. Die vermeintlichen
Lieder des Ossian fanden in
ganz Europa begeisterte Aufnahme, bevorzugte Formen waren schlichte
Lieder und Balladen.
Zu den bedeutenden Vertretern der Lyrik der Empfindsamkeit gehören
der Schotte R. Burns und der Pole F. Karpiski. In Deutschland
entstand etwa zeitgleich die Bewegung des Sturm
und Drang. Er brachte eine reiche Gefühls- und Erlebnislyrik
hervor, die in den hymnischen
Dichtungen des jungen Goethe
gipfelt.
19. Jahrhundert:
Die deutsche Lyrik erreichte um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert
eine bis dahin nicht gekannte stilistische Vielfalt, gedankliche
Tiefe und sprachliche Ausdruckskraft mit der reifen Lyrik Goethes
und Schillers,
mit den Dichtungen Hölderlins
und der frühen Romantik (u. a. Novalis). Für die Romantiker
war die Lyrik bevorzugtes Medium, um den melancholischen, sentimentalen,
auch pathetischen oder rebellischen Stimmungen, die ihr Lebensgefühl
bestimmten, Ausdruck zu verleihen. Sie knüpften an die Empfindsamkeit
an, bevorzugten schlichte, volksliedhafte Formen (viele der
Gedichte wurden vertont), häufig werden Bilder aus der Natur
und Seelenzustände aufeinander bezogen. Frühe romantische Lyrik
kam aus England, aus dem Kreis der Lake School (u. a. S. T.
Coleridge, W. Wordsworth), v. a. aber von dem erst spät anerkannten
W. Blake. In Frankreich setzte sich die poetische Konzeption
der Romantik
erst mit der Restauration durch, bedeutende Lyriker waren hier
A. de Lamartine, V. Hugo, A. de Vigny und der Chansondichter
P.-J. de Béranger.
Größte weltliterarische Wirkungen erreichte die Lyrik der jüngeren
englischen Romantik
(G. Byron, J. Keats, P. B. Shelley), während die deutschen Spätromantiker
(J.
von Eichendorff, Lyrik
Uhland, E.
Mörike, N. Lenau) mit ihren zu Volksliedern gewordenen
Gedichten die deutschsprachige Lyrik des 19. Jahrhunderts wesentlich
beeinflussten. In der Nachbildung orientalischer Formen - nach
dem Vorbild von Goethes
'West-östlicher Divan' - wurde von F.
Rückert und A.
von Platen Beispielhaftes geleistet. Wichtiges Merkmal
romantischer Literatur
überhaupt ist die enge Bindung an nationale Themen, die sich
in der Lyrik in Gesängen niederschlägt, die sich gegen die Unterdrückung
durch fremde Mächte wenden:
so bei dem Italiener G. Leopardi,
bei dem Spanier J. Lyrik Espronceda y Delgado,
bei den Polen A. Mickiewicz und J. Słowacki,
bei dem Ungarn S. Petőfi
und dem Tschechen K. Mácha.
Die russische Lyrik erreichte mit den romantischen Dichtungen
von A. S. Puschkin und M. J. Lermontow ihren Höhepunkt,
die US-amerikanische Literatur erschien mit der Lyrik R. W.
Emersons erstmals auf der weltliterarischen Bühne.
Zur Mitte des Jahrhunderts zeichnete sich das Ende des romantischen
Dichtungskonzepts ab, nachdem es in H.
Heines ironischer Brechung seine letzten Möglichkeiten
erreicht hatte. In der deutschsprachigen Literatur
weisen die Naturgedichte der Annette
von Droste-Hülshoff, G.
Kellers und T.
Storms darüber hinaus,
in der englischen Literatur u. a. die sozial engagierte Lyrik
der Elizabeth Barrett-Browning,
in der amerikanischen die kraftvoll-visionären Dichtungen W.
Whitmans,
in Italien die direkt an die Antike anknüpfenden Oden
G. Carduccis.
Eine bewusste Abkehr von der ins Sentimentale abgeglittenen
romantischen Bekenntnispoesie
betrieben in Frankreich die Parnassiens. Die radikale inhaltliche
Erneuerung der Lyrik kam jedoch von C. Baudelaire, dessen Zyklus
'Les fleurs du mal' (1857) eine neue Epoche der Lyrik einleitete:
Ihr Gegenstand wird nun das moderne Leben. Mit dem Aufbrechen
der metrischen
Strukturen und der Verselbstständigung der sprachlichen Zeichen
durch den Symbolismus
wurde die Revolution der Lyrik vollendet. Diese gleichfalls
von Frankreich ausgehende Strömung (wichtigste Vertreter A.
Rimbaud, P. Verlaine, S. Mallarmé) strahlte auf ganz Europa
aus: Symbolistische Lyrik schrieben u. a. in England A. C. Swinburne,
T. S. Eliot und W. B. Yeats, in den Niederlanden A. Verwey,
in Ungarn E. Ady, in Polen S. Przbyszewski, in Russland, wo
der Symbolismus bis zum 1. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das
geistige Leben wesentlich bestimmte, u. a. W. J. Brjussow, F.
K. Sologub, D. S. Mereschkowskij, A. A. Blok und A. Belyj. In
der spanischsprachigen Lyrik nahm der Modernismo (Modernismus
) die Stelle des Symbolismus ein (R. Darío). Der Belgier E.
Verhaeren gestaltet mit symbolistischer Formsprache sozialkritische
Inhalte. In der deutschsprachigen Lyrik des ausgehenden 19.
Jahrhunderts erreichte C.
F. Meyer mit seinen gedankentiefen Gedichten klassische
Formstrenge. Symbolistische Anregungen verarbeitete D. von Liliencron,
während die Gedichte von A. Holz Beispiele für naturalistische
Lyrik bieten.
20. Jahrhundert:
Die Einflüsse des französischen Symbolismus
vermischten sich in der deutschsprachigen Lyrik der Jahrhundertwende
mit den Tendenzen von Neuromantik
und Jugendstil. Lyrische Dichtungen wurden Ausdruck der Ästhetisierung
des Lebens (H.
von Hofmannsthal), S.
George begründete damit die Vorstellung einer 'geistigen
Herrschaft'; R.
M. Rilkes reife Lyrik setzt die Kunst vollendeter
Gestaltung gleich mit der Sinnstruktur, die Vergängliches bewahren
kann.
Seit etwa 1910 bestimmten die rasch wechselnden, einander überschneidenden
Strömungen der europäischen Avantgarde Stil
und Inhalt der Lyrik (so in Russland die Akmeisten, in Italien
die Crepuscolari), wobei die großen Persönlichkeiten sich oft
eindeutiger Zuordnung entziehen, wie der Spanier J. R. Jimenez.
Von der deutschen Literatur
nahm der Expressionismus
seinen Ausgang, dessen Lyrik, meist freirhythmisch
und ekstatisch, mit neuartigen Metaphern,
in verknappter Syntax
Angst, Verzweiflung, aber auch Sehnsucht nach allgemeiner Harmonie
artikuliert; bedeutende Vertreter waren u. a. G.
Trakl, G.
Heym, der junge G.
Benn, der junge J. R. Becher, T. Däubler, Else Lasker-Schüler,
Y. Goll, P. Zech. Der deutsche Expressionismus
strahlte u. a. aus auf die Lyrik der Länder Ost- und Südosteuropas
(bedeutender Vertreter z. B. der Ungar A. József); auch die
Erneuerung der schwedischen Lyrik durch P. F. Lagerkvist nahm
ihren Ausgang von expressionistischen Konzepten. Großer Anreger
und Neuerer der angloamerikanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts
war E. Pound, zum einen mit dem ästhetischen Programm des Imagismus,
zum anderen mit seinen eigenen kosmopolitischen kulturkritischen
Dichtungen in freirhythmischer Sprache. Die Imagisten (neben
Pound R. Aldington und Hilda Doolittle) erstrebten die äußerste
Präzision der lyrischen Sprache, deren Ziel das 'Bild' war.
Parallel zum Expressionismus
versuchte der Futurismus von Italien aus die Sprengung aller
Traditionen; man feierte den technischen Fortschritt und wollte
mit Eingriffen in die Sprache (v. a. der Zerstörung der Syntax)
eine adäquate Dichtung schaffen. Initiator und wichtigster Vertreter
futuristischer Lyrik war F. T. Marinetti, eine eigene Ausprägung
erreichte sie in Russland mit W. Chlebnikow und W. W. Majakowskij,
nach ihrem Vorbild dichtete B. Jasieński in Polen. Als
Gegner des Futurismus verstanden sich die russischen Imaginisten
mit S. Jessenin; die russische Lyrik der 20er-Jahre erreichte
mit ihm, mit Achmatowa, Mandelstam, aber auch mit Maria Zwetajewa
und B. Pasternak, die beide in unterschiedlicher Weise Tradition
und Moderne verbinden, den künstlerischen Höhepunkt des Jahrhunderts.
Die totale Revolution von Literatur
und Kunst war Programm des Dadaismus.
Seinen Protagonisten (die Deutschen R. Huelsenbeck und H. Ball,
der Deutsch-Franzose H. Arp, der Franzose T. Tzara u. a.) genügten
die expressionistischen und futuristischen Neuerungen nicht,
ihre Simultan- und Lautgedichte verzichteten auf jede inhaltliche
Aussage, Lyrik trat erstmals als "Aktion" an die Öffentlichkeit,
Spontanität und Zufall wurden zu wichtigen gestalterischen Prinzipien.
Ein ähnlicher Konzept verfocht der Surrealismus, seine internationale
Ausstrahlung war jedoch ungleich größer. Wichtigster Anreger
der surrealistischen Bewegung war G. Apollinaire, dessen Prosagedicht
'Onirocritique' (1908) Grundlage ihrer antibürgerlichen Kulturkritik
wurde. Die Surrealisten beriefen sich auf das Unbewusste, auf
Träume und Instinkte, die in jedem Menschen poetische
Texte erzeugen könnten. Bedeutende Zeugnisse der reinen surrealistischen
Lyrik der 20er-Jahre kommen von Lyrik Aragon, P. Éluard und
P. Soupault. Die spanische Lyrik hatte zunächst mit dem Creacionismo
französische Vorbilder aufgenommen, eine eigenständige Erneuerung
kam jedoch erst durch die Generation von 1927, die die großen
nationalen Traditionen (v. a. Góngora) mit den antirealistischen
Mitteln der Moderne verband. Für die portugiesische Lyrik eröffnete
F. Pessoa die Möglichkeiten moderner Gestaltung in Synthese
mit klassizistischen Mustern.
Mit dem Konstruktivismus entwickelten die Literaturen in Ost-
und Südosteuropa eine eigene Richtung der modernen Lyrik. Dieser
wollte die kreativen Fähigkeiten anregen und die Wirklichkeit
ordnen, demzufolge ist konstruktivistische Lyrik knapp und nüchtern,
ihre Themen bezieht sie häufig aus der Arbeitswelt. Bedeutende
Vertreter kamen v. a. aus Polen, so J. Przyboś von der
Krakauer Avantgarde.
In der tschechischen Lyrik
bildete der Poetismus durch Verbindung von konstruktivistischen
mit surrealistischen Elementen eine eigene Variante (V. Nezval).
Dem expressionistischen
Pathos
setzten in Deutschland die Dichter
der Neuen Sachlichkeit eine Gebrauchslyrik entgegen, deren oft
zeitkritische Alltagsthemen betont schlicht oder auch ironisch
gestaltet sind (E.
Kästner, K. Tucholsky, J.
Ringelnatz, auch Beispiele bei B.
Brecht). Eine andere Antwort auf die dezidiert moderne
Lyrik kam in Deutschland von den Dichtern, die der zunehmend
als chaotisch empfundenen Gegenwart bleibende Werte entgegensetzen
wollten: Sie suchten sie in der Rückbesinnung auf formale Strenge,
in Themen aus Mythos
und Geschichte (R.
Borchardt), in religiösen Dichtungen (R. A. Schröder),
v. a. aber in Naturlyrik (O. Loerke, W. Lehmann). Wichtiger
Sammelpunkt der Lyrik im Deutschland der Weimarer Republik war
die Dresdner Zeitschrift 'Die Kolonne' (1929-32), wo u. a. P.
Huchel, Marie
Luise Kaschnitz, Elisabeth Langgässer veröffentlichten;
ihre Leitfigur war Loerke. Diese Art der Lyrik wurde auch zum
Ausdruck der 'inneren Emigration' jener Autoren
in nationalsozialistischer Zeit. In Italien erwuchs - nach dem
Vorbild des Symbolismus
- mit dem Hermetismus ebenfalls eine Lyrik, die auf Bilder aus
Natur und Mythos
zurückgriff (G. Ungaretti, E. Montale, U. Saba); in Frankreich
steht R. Char für eine philosophische Lyrik, deren lakonische,
fragmentarische Raffungen auf viele jüngere Dichter wirkten.
Unmittelbar nach 1945 suchte die (west-)deutsche Lyrik ihre
Vorbilder in der Formsprache der 20er- und 30er-Jahre, auch
mit klassischer Strenge reagierten die Dichter auf die äußere
Katastrophe (G.
Benn, Rose
Ausländer, G. Eich). Seit den 50er-Jahren öffnete
man sich wieder weltliterarischen Einflüssen, v. a. amerikanischen:
Wichtig wurden Sylvia Plath mit ihrer Bekenntnislyrik, die Autoren
der Beatgeneration (so A. Ginsberg), aber auch der krasse Außenseiter
C. Bukowski. Kritischer Lakonismus, Momente des Surrealen, eine
neue Sensibilität, politische Chiffrierung von Naturbildern
verbanden sich bei P. Celan, Ingeborg
Bachmann, Nelly Sachs mit einem neuen Hermetismus,
bei E.
Fried und H.
M. Enzensberger mit eingreifendem gesellschaftlichen
Engagement. Von der Lyrik in der DDR ist, neben den späten Gedichten
B.
Brechts, v. a. die J. Bobrowskis und G. Maurers zu
nennen, die ihre Originalität durch die Assimilation östlicher
und jüdischer Elemente erreicht. In den 60er-Jahren begannen
die Auflösungserscheinungen in der Doktrin des 'sozialistischen
Realismus' mit den ersten Veröffentlichungen einer jungen Dichtergeneration,
die vorsichtig eine moderne lyrische Sprache erprobte (V. Braun,
K. Mickel, Sarah
Kirsch, B. Jentzsch, G. Kunert und R. Kunze).
In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts sind nur wenige allgemeine,
übernationale Entwicklungen in der Lyrik zu erkennen. Neue Anstöße
gab die konkrete Poesie,
auch mit ihrer französischen Variante, dem Lettrismus; doch
auch hier knüpft die Dichtung
an die dadaistischen Experimente an. Die Grundsätze der konkreten
Poesie - Verzicht auf die inhaltliche Botschaft, Lyrik als Produkt
aus dem Material Sprache - wurden über ihre direkten Anhänger
(E. Gomringer, H. Heißenbüttel, E. Jandl, Friederike Mayröcker,
F. Mon, G. Rühm) hinaus Leitlinien für viele Lyriker späterer
Generationen.
Unter den Bedingungen des literarischen Marktes der Gegenwart
hat es Lyrik schwer, ein größeres Publikum zu erreichen, allenfalls
die Texte der Liedermacher erhalten diese Möglichkeit. Internationale
Aufmerksamkeit erlangt Lyrik allerdings über den "Nobelpreis
für Literatur", der häufig an Lyriker verliehen wird. Über
seine Publizität findet auch die nationale Tradition, aus der
das Werk des jeweiligen Preisträgers erwuchs, Interesse: Dies
gilt für den Tschechen J. Seifert (1984), für den Mexikaner
O. Paz (1990), für D. Walcott von der Karibikinsel Saint Lucia
(1992), für den Iren S. Heaney (1995) und für die Polin Wisława
Szymborska (1996).
Zwischen der Leere des Zen-Spruchs und dem hysterischen Rhythmus
des Videoclips ist eine Form zu entdecken, die sich hören lassen
kann. Nur so kann Literatur, will sie auf die veränderten medialen
Verhältnisse und die dadurch erzeugten Wirklichkeiten reagieren,
einen innovativen Input erhalten und letztlich eine weitere
Existenzberechtigung.
Mit der Digitalisierung beginnt das Zeitalter des Literaturclips
in der Lyrik des 21. Jahrhundert. Die Lyrik wurde und wird immer
wieder auch von der populären Musikkultur beeinflusst. So hat
zum Beispiel die Rap/Hiphop-Bewegung
die Idee von Poetry-Slams angeregt, einer Form von Lyrik-Performances,
bei denen die Vortragenden ähnlich wie bei einer MC-Battle gegeneinander
antreten, und das Publikum einen Gewinner kürt. Auch sprachlich
und formal stehen Lyrik und populäre Musik in einem Austauschverhältnis.
Wichtige deutschsprachige Lyriker:
| Mittelalter |
Walther
von der Vogelweide |
| Barock |
Andreas
Gryphius,
Martin
Opitz, Simon Dach, Paul Fleming, Barthold
Heinrich Brockes |
| Aufklärung |
Christoph
Martin Wieland, Christian Fürchtegott Gellert |
| Rokoko |
Friedrich
von Hagedorn |
| Empfindsamkeit |
Christian
Fürchtegott Gellert |
| Sturm
und Drang |
Johann Wolfgang von Goethe,
Christian Fürchtegott Gellert, Friedrich
Gottlieb Klopstock |
| Weimarer
Klassik |
Friedrich
Schiller, Johann
Wolfgang von Goethe, Friedrich
Hölderlin |
| Romantik |
Friedrich Hölderlin,
Eduard
Mörike, Joseph
von Eichendorff, Novalis,
Friedrich
Schlegel |
| Vormärz |
Heinrich
Heine, Ferdinand Freiligrath |
| Biedermeier |
Annette
von Droste-Hülshoff, August
von Platen, Friedrich
Rückert |
| Realismus |
Theodor
Storm, Eduard Mörike, Franz Grillparzer, Gottfried
Keller |
| Naturalismus |
Theodor
Storm, Rainer
Maria Rilke |
| Neuromantik |
Rainer
Maria Rilke |
| Literatur
der Moderne |
Bertolt
Brecht, Gottfried
Benn, Peter Huchel, Georg
Trakl, Erich
Kästner, Ingeborg
Bachmann, Paul
Celan |
| Gegenwart |
Peter
Rühmkorf, Robert Wohlleben, Sarah
Kirsch, Henning Heske, Durs Grünbein |
(Quelle: Brockhaus - Die Enzyklopädie: in
24 Bänden. 20., neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Mannheim:
F. A. Brockhaus 1996-99. Aktualisiert mit Artikeln aus der Brockhaus-Redaktion
und ergänzt um Verweise auf Munzinger-Texte. © Bibliographisches
Institut F. A. Brockhaus AG, Mannheim, und Munzinger-Archiv
GmbH, Ravensburg;
Wikipedia, Die freie Enzyklopädie; nach GNU Free Documentation
License [GNU-Lizenz für freie Dokumentation])
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(© 22.11.2006 Autor und Redaktion
Gerd
Gross)
(letzte Änderung 22.11.2008)
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