Literaturepochen
Literatur der Restaurationsepoche

Vormärz 1840-1848
neben dem Jungen Deutschland und dem Biedermeier häufig gebrauchter, jedoch nicht unproblematischer literaturgeschichtliche Epochenbegriff für eine literaturhistorische Phase in der 1. Hälfte des 19. Jh.s.

Explikation:

Bezeichnung für die zur Revolution im März 1848 hinführende literarische Epoche. Ihr Ende ist mit der Revolution eindeutig datiert, für ihren Beginn gibt es unterschiedliche Auffassungen: 1815 (Gründung des Deutschen Bundes; in dieser Ausdehnung richtet sich der Begriff Vormärz zugleich gegen die konkurrierenden Epochenbezeichnungen Biedermeier [vgl. Biedermeier] bzw. Restaurationszeit [vgl. Literatur der Restaurationsepoche] und die ihnen innewohnende Gewichtung); 1830 (frz. Julirevolution; Ende der klassisch-romantischen Kunstperiode); 1840 (Beginn einer radikalen, zur Revolution hinführenden Politisierung).

Nach dem Zerfall der jungdeutschen Bewegung (vgl. Junges Deutschland) und der literarischen und politischen Stagnation nach 1835/36 setzten um 1840/41 neue Entwicklungen ein: Die sogenannte Rheinkrise von 1840 löste eine nationale Begeisterungswelle aus, die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. von Preußen weckte politische Hoffnungen (1840 Amnestie für politische Vergehen, 1841 Lockerung der Zensur), und mit dem Auftreten der Jung-und Linkshegelianer, die den "illusionären Liberalismus" des Jungen Deutschland verwarfen, erhielt die Politisierung eine radikale, systemkritische Dimension. Allerdings war die Lockerung der politischen Repressionsmaßnahmen nur von kurzer Dauer; die meisten Autoren des Vormärz wurden für kürzere oder längere Zeit ins Exil getrieben (Zürich, Brüssel, Paris, London).

Insbesondere die Lyrik erwies sich als wirkungsvolles Medium der politischen Agitation; Georg Herwegh bezeichnete sie als "Vorläuferin der Tat". Freiheit, Verfassung, staatliche Einheit waren ihre Themen (Herwegh, "Gedichte eines Lebendigen", 1841-42; August Heinrich Hoffmann v. Fallersleben, "Unpolitische Lieder", 1840-41; Franz Dingelstedt, "Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters", 1841; Ferdinand Freiligrath, "Ein Glaubensbekenntnis", 1844 und "Ca ira!", 1846). Heinrich Heine distanzierte sich zwar von der direkten politischen Instrumentalisierung der Lyrik ("gereimte Zeitungsartikel"), schrieb aber selbst mit seinem Zeitgedicht "Die schlesischen Weber", 1844 ein Beispiel anklagender sozialer Literatur. Erste theoretische Ansätze einer sozialistischen Literaturwissenschaft formulierten Karl Marx und Friedrich Engels. Begleitet von einer breiten sozialkritischen Publizistik wandten sich neben der Lyrik auch der Roman und die Novellistik der Behandlung sozialer Themen zu (Ernst Dronke, Georg Weerth, Ernst Willkomm).

Historie:

Als Epochenbezeichnung datiert man den Vormärz:

1. (den Historikern folgend) gelegentlich schon ab 1815;
2. häufiger von 1830 (Julirevolution in Frankreich) bis 1848 (Märzrevolution in Deutschland).

Dieser das Junge Deutschland einbeziehende Epochenansatz erweist sich für die neuere Forschung als praktikabler als das umgekehrte Verfahren (das seine Berechtigung unteranderem von H. Hoffmann von Fallersleben, "37 Lieder für das junge Deutschland", 1848, ableiten kann) und fasst mit Vormärz die politische progressive Spielart des konservativen Biedermeier, das mit 1815 bis 1848 ähnlich weitgreifend datiert wird. Neuerdings setzt sich jedoch eine weitere Unterteilung in

3. Junges Deutschland (ca. 1830 bis zum Verbot 1835),
eine unbenannte Zwischenphase und
den eigentlichen Vormärz (1840 bis 1848/49) durch,

v.a. aus zwei Gründen:

1. historisch kam mit der Rheinkrise 1840 erneut ein starkes Nationalgefühl auf; man verband mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms von Preußen (1840 politische Amnestie;
1841 Lockerung der Zensurbestimmungen) große politische Hoffnungen;
ferner treten seit 1840 die Jung- bzw. Linksheligianer auf;
2. vom Standpunkt der Vormärz-Dichter war das Junge Deutschland eine abgeschlossene Phase, deren Vertreter man ob ihres "illusionären Liberalismus" strikt ablehnte.

So findet sich von den Jungdeutschen eigentlich nur Heinrich Heine ("Neue Gedichte", 1844; "Deutschland. Ein Wintermärchen", 1844) im schärferen politischen Fahrwasser des Vormärz wieder, während (L. Börne war bereits 1837 gestorben) L. Wienbarg um 1840 verstummte, K. Gutzkow, H. Laube, Th. Mundt und K. Kühne sich zurückhielten oder auf Positionen zurückzogen, die u.a. von Friedrich Engels scharf kritisiert wurden. Statt ihrer traten jetzt als "neue Autoren" auf: vor allem G. Herwegh ("Gedichte eines Lebendigen", 1841/1843), H. Hoffmann von Fallersleben ("Unpolitische Lieder", 1841), F. Freiligrath ("Ein Glaubensbekenntnis", 1844, "Ca ira", 1846), G. Weerth (auch als Redakteur des Feuilletons der "Neuen Rheinischen Zeitung"), E. Dronke, I. Pfau. Ihnen zurechnen muss man den schon früher publizistisch tätigen H. Haring, mit eigenen Gedichten auch G. Keller, ferner R. Prutz, den Literaturhistoriker G.G. Gervinus und die politischen Schriftsteller und Linksphilosophen K. Marx und F. Engels, A. Ruge, W. Weitling, M. Hess u.a. Die verstreuten Stellungnahmen zur zeitgenössischen Literatur dieser Jahre von Marx und Engels können rückblickend als erste Aufgabenstellung und erste Schritte sozialistischer Literaturbetrachtung (einer sozialistischen Literaturwissenschaft) gewertet werden. Mit ihr entwickelt sich zögernd auch eine sozialistische Literatur, für die neben zunehmender Radikalisierung v.a. eine gesellschaftsperspektivische Erweiterung bezeichnend ist, am deutlichsten vielleicht bei den Veröffentlichungen im Umkreis des schlesischen Weberaufstandes (1844), die zum ersten Mal den Arbeiter nachdrücklich ins Blickfeld bürgerlicher Literatur rücken: Bettina von Arnims "Armenbuch", die Gedichte Heines, Weerths, Pfaus u.a., der Bericht W. Wolffs "Das Elend und der Aufruhr in Schlesien", das schnell verbreitete anonyme Weberlied "Das Blutgericht" (das G. Hauptmann in "Die Weber" wieder aufgreift).

Es ist bezeichnend für die Epoche des Vormärz, dass seine Vertreter fast alle für kurze Zeit ins Exil (Zürich, Brüssel, Paris, London) gehen mussten (vgl. Exilliteratur Restauration) und nur von dort mit ihren Veröffentlichungen wirken konnten. Diese Exilsituation führte sicherlich neben den politischen Enttäuschungen mit zur Radikalisierung der Positionen; sie ist aber wohl auch dafür verantwortlich, dass - mit Ausnahme des oft operativ, bzw. agitatorisch eingesetzten Gedichts und hastiger Revolutionskomödien - die Dichter des Vormärz nicht die Ruhe hatten, spezifische Gattungen aus- oder in ihrem Sinne weiterzubilden, so dass ihre literarische Arbeiten fast durchgehend Programm-, Bekenntnis-, Aufruf oder Pamphletcharakter aufweisen. Als die Literatur des Vormärz mit dem Scheitern der bürgerlichen Revolution 1848/49 ihr Ende fand, war dies zum Teil schon vorprogrammiert durch die Zerstrittenheit ihrer Vertreter, einem aus immer radikaleren Positionen geführten gegenseitigen "Vertilgungskrieg" (Hermand).

Perioden-Begriffsdefinition:

Von der Historiographie der DDR wurde der Vormärz als Bezeichnung für den gesamten Zeitraum seit dem Wiener Kongreß (1815) bzw. seit der franz. Julirevolution (1830) übernommen und in der Literaturwissenschaft der DDR - seit Anfang der 70er Jahre auch teilweise in der BRD - analog als Periodenbegriff für die Geschichte der deutschen und österreichischen Literatur verwendet. Dabei umfaßt "Vormärzliteratur" die gesamte Literatur entweder von 1815 (H.-G. Werner) oder 1830 (R. Rosenberg) bis 1848. Demgegenüber spricht die bürgerliche Literaturgeschichtsschreibung im allgemeinen von "Vormärzschriftstellern" oder "Vormärzliteratur" nur im Hinblick auf die politisch engagierte Literatur der 40er Jahre, die sogenannte Tendenzliteratur (G. Herwegh ‚ R. Prutz, Hoffmann von Fallersleben‚ F. Freiligrath, E. Willkomm u.a.), während die oppositionelle Literatur der 30er Jahre traditionell unter dem Gruppennamen des "Jungen Deutschland" subsumiert wird (Börne, Heine, H. Laube, K. Gutzkow, L. Wienbarg, Th. Mundt, G. Kühne u.a.); als literarhistorischer Periodenbegriffe werden "Biedermeierzeit" (F. Sengle) oder "Restaurationsepoche" (J. Hermand) angeboten, sofern nicht überhaupt auf einen Periodenbegriff verzichtet wird (B. Markwardt: "Zwischen Nachklassik und Nachromantik"; W. Höllerre: "Zwischen Romantik und Realismus").

Die unterschiedlichen Periodenbegriffe verweisen auf unterschiedliche Literaturgeschichtskonzeptionen. Die in der DDR entwickelte Vormärz-Konzeption geht von den zeittypischen Veränderungen in der literarischen Kommunikation der Gesellschaft aus (Vergrößerung des kapitalistischen Literaturmarkts, Ausbildung der periodischen Presse zum ersten modernen Massenkommunikationsmittel, Durchsetzung des "freien" Schriftstellers usw.), die insbesondere unter dem Aspekt der Funktionsveränderung der Literatur betrachtet wird, die bereits Heine mit der Entgegensetzung zur sogenannten Kunstperiode im Auge hatte. Sie stellt in diesem Zusammenhang die mit der politischen Bewußtseinsbildung des deutschen Bürgertums einhergehende und die antifeudale Oppositionsbewegung aktivierende Politisierung eines großen Teils der bürgerlichen Literatur heraus und orientiert auf die im Gefolge dieser Entwicklung aufkommenden neuen Genretypen sowie auf die dadurch bedingte Umschichtung des gesamten Gattungsensembles der Literatur. Sie bezieht die Strukturen dieser neuen Genretypen - Reisebild (vgl. Reiseliteratur), Feuilleton, Brief usw. - wie auch die Strukturveränderungen in den traditionellen Genres auf die Veränderungen, die durch die industriekapitalistische Entwicklung, den naturwissenschaftlich-technischem Fortschritt und die Durchsetzung des Grundwiderspruchs der kapitalistischen Gesellschaft im allgemeinen Bewusstsein und in der Emotionalität der Menschen bewirkt werden. Dementsprechend z.B. erscheinen die Werke Heines und Büchners als die bedeutendsten künstlerischen Leistungen der Periode. Zugleich ist damit die Aufmerksamkeit auf die beginnende literarische Selbstartikulation des deutschen Proletariats gelenkt.

Dieser Vormärzbegriff impliziert jedoch auch eine andere Sicht auf politisch vorwiegend konservative Autoren wie E. Mörike oder Annette von Droste-Hülshoff, österreichische Klassiker wie Grill- F. Raimund, J.N. Nestroy u.a. (Posse, Schwank, Volksstück, Zauberstück), indem deren Werke nicht mehr vornehmlich aus ihrer Traditionsgebundenheit erklärt, sondern als spezifische Formen der Auseinandersetzung mit der Zeit aufgefasst werden, wobei auch bei solchen Autoren das Schwergewicht auf die künstlerische Innovationen gelegt ist, die partiell dem bürgerlichem Realismus des 19. Jh. (vgl. Kritischer Realismus) in Deutschland den Weg bereiteten. Mit der Entscheidung für einen so verstandenen Begriff des Vormärz ist zugleich die Konzeption eines Biedermeier abgewiesen, die die deutsch sprachige Literatur vor 1848 unter einen Stilbegriff stellt, der auf die konservativen Autoren als Mittelpunktfiguren orientiert und nicht nur Schriftsteller wie Börne oder Grabbe ‚ N. Lenau oder A. Gün an den Rand der Literaturgeschichte drängt, sondern auch das Bild Heines und Büchners verzerrt.

(Quelle: Meid, Volker: Sachwörterbuch zur deutschen Literatur; Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH& Co, 1999 verbesserte Ausgabe 2001; ISBN 3-15-018129; S. 547-548

Metzler--Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen; hrsg. von Günther u. Irmgard Schweikle, [Mitarb. Irmgard Ackermann ...]. - 2. überarbeitete Auflage, Stuttgart: Metzler 1990; ISBN 3-476-00668-9; Autor: Prof. Dr. Rheinhard Döhl, Stuttgart; S. 494-495

Wörterbuch der Literaturwissenschaften: hrsg. von Claus Träger. - 2. Auflage, Leipzig: Bibliographisches Institut, 1989; 714 S.; ISBN 3-323-00015-3; Autor: R. Rosenberg; S. 560
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Sekundärliteratur

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(© 31.01.2008 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 31.01.2008)
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