Die
Literatur
dieser Epoche ist sehr vielfältig und geprägt durch christliche
Erweckungsliteratur
und das idyllische Biedermeier
auf der einen, die engagierte Literatur
des Vormärz
und des
jungen Deutschland sowie die Agitationsgedichte eines
Georg Herwegh auf der anderen Seite bis zu der nihilistischen
Erzählung
"Lenz" von Georg
Büchner. Trotzdem ist es möglich, die Literatur
dieser Epoche als Einheit zu betrachten.
Explikation:
In F. Sengles umfangreicher Darstellung ("Biedermeierzeit",
3 Bände, 1971-80) hat sich die konkurrierenden Epochenbezeichnungen
(Restauration, Vormärz)
nicht allgemein durchgesetzt. In der
Literatur wird die Bezeichnung
Biedermeier etwa seit 1930 auf den Zeitabschnitt zwischen
Romantik
und Realismus
bezogen, und zwar auf jene Werke, in denen aus politisch konservativer
Sicht - im Gegensatz zu den liberal-revolutionären Bestrebungen
Junges
Deutschland - Achtung vor der überkommenen Ordnung,
private Zurückgezogenheit, Melancholie, Verzicht und Resignation
dominieren. Tagespolitische Bekenntnisse wurden abgelehnt, die
kleineren Formen bevorzugt. In diesem Sinne typische Biedermeierdichtungen
schrieben A. Stifter, Annette
von Droste-Hülshoff, F. Grillparzer, F. Raimund,
J. Gotthelf, E. Mörike, K. Immermann, E. von Bauernfeld, O.
Ludwig, obwohl die meisten der Genannten gerade in ihren wesentlichen
Leistungen die Grenzen des Biedermeier weit überschreiten.
Vormärz, Bezeichnung für die zur Revolution
im März 1848 hinführende literarische Epoche. Ihr Ende ist mit
der Revolution eindeutig datiert, für ihren Beginn gibt es unterschiedliche
Auffassungen: 1815 (Gründung des Deutschen Bundes; in dieser
Ausdehnung richtet sich der Begriff Vormärz
zugleich gegen die konkurrierenden Epochenbezeichnungen Biedermeier
bzw. Restaurationszeit und die ihnen innewohnende Gewichtung);
1830 (frz. Julirevolution; Ende der klassisch-romantischen Kunstperiode);
1840 (Beginn einer radikalen, zur Revolution hinführenden Politisierung).
Nach dem Zerfall der jungdeutschen Bewegung (vgl. Junges
Deutschland) und der literarischen und politischen
Stagnation nach 1835/36 setzten um 1840/41 neue Entwicklungen
ein: Die sogenannte Rheinkrise von 1840 löste eine nationale
Begeisterungswelle aus, die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms
IV. von Preußen weckte politische Hoffnungen. (1840 Amnestie
für politische Vergehen, 1841 Lockerung der Zensur),
und mit dem Auftreten der Jung- und Linkshegelianer, die den
"illusionären Liberalismus" des Jungen
Deutschland verwarfen, erhielt die Politisierung
eine radikale, systemkritische Dimension. Allerdings war die
Lockerung der politischen Repressionsmaßnahmen nur von kurzer
Dauer; die meisten Autoren
des Vormärz
wurden für kürzere oder längere Zeit ins Exil getrieben (Zürich,
Brüssel, Paris, London).
Junges Deutschland, literarische Bewegung
zwischen und 1840. Ludolf Wienbargs "Ästhetische Feldzüge.
Dem jungen Deutschland gewidmet", 1834 gaben ihr den Namen
der wie analoge Begriffsbildungen in Politik ("Giovine
Italia", "Giovine Europa") und Literatur
(Heinrich Laube, "Das junge Europa", 1833-37) auf
die Aufbruchsstimmung der französischen Julirevolution
von 1830 verweist. Als "literarische Schule"
wurde das Junge
Deutschland zuerst in dem Verbotsbeschluss des Bundestages
vom 10.12.1835 bezeichnet der als betroffene Autoren namentlich
Heinrich
Heine, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg
und Theodor Mundt anführt. Sieht man von Heine
ab, der wie Ludwig
Börne den Jungdeutschen als Vorbild galt, aber kaum
zur Gruppierung selbst zu zählen ist, so ist damit bis auf Ferdinand
Gustav Kühne und Ernst Willkomm der Kern der Gruppe bezeichnet.
Der Protest der Jungdeutschen gegen die politische Restauration
und die Abwendung von der idealistischen - Ästhetik und
dem "Aristokratismus" der klassisch-romantischen
Literaturepoche verband sich mit diffusen Gedanken einer umfassenden
Erneuerung einer durch "Zerrissenheit" charakterisierten
Zeit, einer emanzipatorischen Verbindung von Kunst, Wissenschaft
und Leben. Nicht zuletzt die Forderungen nach einer natürlichen
Religion und einer neuen Moral (Emanzipation der Frau, "Wiedereinsetzung
des Fleisches") mussten Anstoß bei den Zensurbehörden erregen.
Die diesen Zielen entsprechende Sprachform war nach Meinung
der Jungdeutschen die Prosa;
die "Emancipation der Prosa" gehörte zum Programm
der Annäherung von Kunst und Leben (Mundt, "Die Kunst der
deutschen Prosa", 1837). Die auf ein breites Publikum gerichtete
Wirkungsstrategie führte einerseits zur Bevorzugung kleinerer
literarischer und journalistischer Formen (Reisebild, Feuilleton,
Brief,
Skizze, Novelle),
andererseits erhielt der Roman
mit philosophisch-religiös fundierten Emanzipationsgeschichten
positiven oder negativen Ausgangs eine besondere Bedeutung (Gutzkow,
"Wally, die Zweiflerin", 1835; Mundt, "Madonna.
Unterhaltungen mit einer Heiligen", 1835). Die massive
staatliche Repression nach dem Verbotsbeschluss führte zu einem
raschen Zerfall der organisatorisch nicht gefestigten Bewegung.
Historie:
Allen Autoren
gemeinsam war, dass sie sich bewusst waren, in einer Umbruchzeit
zu leben. Sie hatten die große Französische Revolution miterlebt
und 1815 erfahren, dass mit dem Wiener Kongress die alten Zustände
weitgehend wieder hergestellt wurden. Aber den Zeitgenossen
war klar, dass dies nicht so bleiben würde, sondern dass der
Fortschritt sich nicht aufhalten ließ. Kirche und Religion hatten
die Revolution scheinbar unbeschadet überstanden, aber Atheismus
wurde für die aufgeklärten Intellektuellen zur Möglichkeit.
Die Wirtschaft war noch immer am Ideal des Handwerkers orientiert,
aber die Zünfte waren in Preußen aufgehoben, die Gewerbefreiheit
war eingeführt und die Industrialisierung brach sich Bahn. Die
alten politischen Mächte waren restauriert, aber die territorialen
Verschiebungen der napoleonischen Ära blieben bestehen und die
liberale Bewegung kämpfte für politische Beteiligung des Bürgertums,
was schließlich zur Märzrevolution 1848 führte.
Die Dichter
empfanden diese Zeit und die Menschen in ihr als zerrissen und
zerrissene, zwischen Gegensätzen schwankende Personen, die nicht
in der Lage sind, konsequente Entscheidungen zu treffen, sind
typisch für die Literatur
der Epoche. Immermann beschreibt dieses Lebensgefühl in seiner
autobiographischen Schrift "Die Jugend vor 25 Jahren"
als gespalten und doppelt, krankhaft, nervös und lebensschwach.
Dies spiegelt sich auch in den Romanfiguren, etwa Mörikes "Maler
Nolten" und dort besonders in dem Freund der Titelfigur,
"Larken".
Prägend für die Dichter
der Epoche war auch die Auseinandersetzung mit
Goethe. Sie waren sich bewusst,
dass ihre Werke nach dem Höhepunkt der deutschen Klassik
nur epigonal sein konnten. August
Graf von Platen und Friedrich
Rückert versuchten im Rückgriff auf antike und orientalische
Vorbilder, der Dichtung
neue Formen zu eröffnen, doch scheinen ihre Werke vor allem
artifiziell und vor allem Rückert wurde dann auch gern parodiert.
Mörike gelang es dagegen, in seinen Gedichten nach Goethes
Vorbild antike Formen produktiv weiterzuentwickeln.
Drama:
Auch im Drama,
etwa bei Franz Grillparzer wirkte das klassische Vorbild Schillers
fort. Auf der Gegenseite erfolgte eine bewusste Abwendung von
der klassischen
Literatur.
Bei den Dichtern
des Vormärz
kam Erlebnislyrik
im Grunde nur noch parodistisch vor. Christian Dietrich Grabbe
schrieb mit "Napoleon oder die Hundert Tage" ein Drama
der offenen Form und Georg
Büchner verfasste mit "Dantons Tod" ein
Dokumentardrama.
Prosa:
In der Prosa
aber, die ja schon immer viel freier war, weil sie nicht an
antike Traditionen gebunden war, explodierten die Formen förmlich:
Reisebeschreibungen, Reportagen, Essays,
Charakterskizzen entwickelten sich zu beliebten Gattungen.
Es ging den Dichtern
dieser Epoche allerdings nicht nur um die Auseinandersetzung
mit den literarischen Formen der Klassik.
Sie warfen Goethe
auch seine "olympische" Kälte vor und setzte
ihm ihr Engagement entgegen. Heinrich
Heine fasste das Gefühl vieler zusammen, als er schrieb,
der Tod Goethes
bedeute das Ende der Kunstepoche. In diesem Ausspruch ist beides
enthalten: Die Distanz zu einer Zeit, wo man Kunst einzig um
der Kunst Willen trieb und die gesellschaftlichen Realitäten
ignorierte, gleichzeitig aber auch die Trauer über den Verlust
der Möglichkeit einer autonomen Kunst.
Lyrik:
Insbesondere die Lyrik
erwies sich als wirkungsvolles Medium der politischen Agitation;
Georg Herwegh bezeichnete sie als "Vorläuferin der Tat".
Freiheit, Verfassung, staatliche Einheit waren ihre Themen (Herwegh,
"Gedichte eines Lebendigen", 1841-42; August
Heinrich Hoffmann von Fallersleben, "Unpolitische
Lieder", 1840-41; Franz Dingelstedt, "Lieder eines
kosmopolitischen Nachtwächters", 1841; Ferdinand Freiligrath,
"Ein Glaubensbekenntnis", 1844 und "Qa ira!",
1846). Heinrich
Heine distanzierte sich zwar von der direkten politischen
Instrumentalisierung der Lyrik
("gereimte Zeitungsartikel"), schrieb aber
selbst mit seinem Zeitgedicht "Die schlesischen Weber",
1844 ein Beispiel anklagender sozialer Literatur.
Erste theoretische Ansätze einer sozialistischen Literaturwissenschaft
formulierten Karl
Marx und Friedrich
Engels. Begleitet von einer breiten sozialkritischen
Publizistik wandten sich neben der Lyrik
auch der Roman
und die Novellistik der Behandlung sozialer Themen zu (Ernst
Dronke, Georg Weerth, Ernst Willkomm).
(Quelle:Brockhaus - Die Enzyklopädie: in 24
Bänden. 20., neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Mannheim: F.
A. Brockhaus 1996-99. Aktualisiert mit Artikeln aus der Brockhaus-Redaktion
und ergänzt um Verweise auf Munzinger-Texte. © Bibliographisches
Institut F. A. Brockhaus AG, Mannheim, und Munzinger-Archiv
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Metzler--Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen; hrsg.
von Günther u. Irmgard Schweikle, [Mitarb. Irmgard Ackermann
...]. - 2. überarbeitete Auflage, Stuttgart: Metzler 1990;
ISBN 3-476-00668-9
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