Literaturepochen
Literatur des Mittelalters

Frühes Mittelalter 750 - 1200 n. Chr.
Der Begriff Mittelalter (lat. Medium aevum) ist von der humanistischen Geschichtsauffassung zur Bezeichnung der dunklen Zwischenzeit zwischen der Antike und der Wiederentdeckung der Antike im Zeitalter der Renaissance geprägt worden.

Explikation:

Die Einteilung der der Weltgeschichte im Altertum, Mittelalter und Neuzeit hat sich duchgesetzt, obwohl eine wissenschaftliche Begründung dafür schwerlich zu finden ist. Die Menschen im Mittelalter wussten nichts von einem eigenem Zeitalter. Sie lebten immer noch im "Imperum Romanum", das von Caesar und Augustus begründet worden war und nach Weissagung des Alten Testaments das letzte Weltreich sein sollte. Die zeitliche Abrenzung des Mittelalters bleibt willkürlich. Heute wird eher der Zusammenhang zwischen der Spätantike und dem frühen Mittelalter dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit betont.

Historie:

Unter der Regierung Karls des Großen (768-814) wurde die Kirche zur Umerzieherin der germanischen Stämme, der gesamte Kulturbereich ging an sie über; Sprache, Dichtung -Formen und -Stoffe wurden von ihr bestimmt. Erst mit der Eingliederung in die römische Kirche und der Übernahme spätantiker Bildung und der lateinischen Schrift wurden die deutsche Stämme "literarisch" produktiv. Die Verbindung zur vordeutschen germanischen Dichtung riss ab.

Das frühe Mittelalter lässt sich in folgende drei Perioden gliedern: bis 900 Wirkung der karolingischen Renaissance (althochdeutsche Literatur) (vgl. Karolingische Renaissance), bis 1025 ottonische Renaissance (Vorherrschen der mittellateinischen Literatur) (vgl. Ottonische Renaissance), bis 1150 Wirkung der kluniazensischen Reform (frühmittelhochdeutsche Literatur) (vgl. Kluniazensische Reform).

Schon vor Karl, zur Zeit Pippins (751-768), begann man in Deutschland im Kreise des Bischofs Arn von Salzburg und Arbeos von Freising mit literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten.

Karolingischen Renaissance:

Karl der Große versuchte die von ihm unterworfenen Völker auf der basis antik-christlicher Bildung umzuformen, ohne die Verbindung zur heimischen Kultur ganz aufzugeben (Sammlung der germanischen Heldenlieder, die durch seinen Sohn, Ludwig den Frommen, vernichtet wurde). Den Bildungsabsichten Karls ging die Vermittlung gelehrter Bildung durch die angelsächsische-irische Mission (Bonifatius 719-754) vorher. Zentrum der Bemühungen war der Hof: Gründung einer Hof-Akademie, Pflege lateinische Hofpoesie, Anlage von Bibliotheken, Lektüre antiker Schriftsteller, Vervielfältigung von Handschriften, Abfassung von Kommentaren. Karl zog die geistige Elite der germanischen Stämme zu sich, die damit dem Herkunftsland verlorenging: Alkuin (Angelsachse), Einhard (Franke), Petrus von Pisa (Langobarde), Paulus Diakonus (Langobarde), Angilbert (Franke), Theodulf (Gote). Stärkste Impulse übte Alkuin (735-804) aus, Vorsteher der Klosterschule in Tours, einer Pflanzstätte karolingischer Wissenschaft. Alkuins "Liber de catbolica fide" ist das erste dogmatische System des Mittelalters. Sein Schüler Hrabanus Maurus (um 784-856) war später Leiter der Klosterschule Fulda, 848 Erzbischof von Mainz. Dessen Schüler Walahfrid Strabo wirkte in Reichenau und Hartmut in St. Gallen. Diese Konzentration der Wissenschaft wurde nicht nur durch imperalistischen Charakter des Reiches Karls ermöglicht, sondern durch die übernationale Kraft der lateinischen Bildung. Es gab keine Kulturmacht, die Kräfte aus dem Wirkungskreis dieser Bildung hätte abziehen können. Die damals entstehende Literatur hatte Missions- und Bildungsziele. Die Weiterentwicklung der Bestrebungen Karls wurde durch den Verfall der karolingischen Dynastie unterbrochen.

Ottonische Renaissance:

Erst Otto der Große (936-973) und seine Nachfolger, vor allem sein Enkel Otto III. (983-1002), erneuerten diese Bindung der deutschen Kultur an die Antike. Die politische und kirchliche Sonderentwicklung der abendländischen Staaten verhinderte jedoch, daß die Konzentration wissenschaftlicher Kräfte am Hofe Karls sich wiederholte, Eifrigster Förderer der klassischen Studien war Ottos Bruder Bruno, Erzbischof von Köln, außerdem seit 953 Herzog von Lothringen. Einfluss auf die Wissenschaftspflege lothringischer Klöster. Heranziehung eines Stabes wissenschaftlich geschulter Geistlicher für die königliche Kanzlei, Ausbreitung lateinischer Bildung über die lothringischen Klöster hinaus. Führend blieb Kloster Fulda: Notker Balbulus (gest. 912), Schöpfer der Sequenzen, Tutilo (gest. 915), Schöpfer der Tropen. Auch Otto zog ausländische Gelehrte an den Hof; seine Familie nahm Anteil an der Bildungsarbeit: Ottos Gemahlin Adelheid, seine Nichte Gerberg, die als Äbtissin von Gandersheim Anregerin für die schriftstellerische Tätigkeit der Hrotsvit wurde, seine Nichte Hadwig, Herzogin von Schwaben, die von dem Mönch Ekkehard III von St. Gallen Lateinischen-Unterricht erhielt. Zur Zeit der römischen Interessen der Ottonen war nur das Lateinische literaturfähig. Rückschlüsse aus Annalen und späterer Dichtung ergeben das Vorhandensein einer deutsch-sprachigen Epik und Lyrik, die aber nur in mündlicher Überlieferung gepflegt wurde. Aus der ottonischen Epoche ist kein deutsches Gedicht erhalten.

Kluniazensische Reform:

Mit Heinrich II. (1002-1024) begann der Einfluß der von dem frz. Kloster Cluny (gegr. 910) ausgehenden, auf Erneuerung und Vertiefung des religiösen Lebens abzielenden asketischen Richtung. Die Kirche reinigte sich von allem Weltlichen als von einer niederen Sphäre und erhob sich zugleich über den weltlichen Bereich. Die Lebensform des Geistlichen und des Mönchs wurde immer mehr zur reinsten Ausprägung des christlichen Menschen erklärt. Auch das Laientum wurde in den Strom der Weltverneinung hineingerissen. Auf der anderen Seite bediente sich die Kirche des Kaisers als des weltlichen Arms - Gregor VII. bot der religiösen Bewegung des Laientums in den Kreuzzügen das Ziel - und erzog sich dadurch im Kaisertum und in seinem Machtträger, dem Adel, den immer selbständiger werdenden Gegner.

Mit den Ideen von Cluny begann zum erstenmal der Einfluss Frankreichs und steigerte sich in der Scholastik durch Persönlichkeiten wie Abälard (1079-1142) und Bernhard von Clairvaux (1091-1153) entscheidend. Beginnendes Übergewicht frz. Hochschulen über die deutsche. Die Scholastik verwertete die philosophischen Begriffe der Antike, um die Glaubenswahrheiten der Religion zugleich als notwendige Vernunftwahrheiten zu beweisen. Sowohl die rationalistische Richtung Abälards (Zweifel, Forschung, Wissenschaft führen zur Erkenntnis der Wahrheit und damit zu Gott) wie die konservative, von Cluny beeinflußte Mystik Bernhards von Clairvaux (nicht das Wissen, sondern mystische Kontemplation, die ein Geschenk Gottes ist, führt zur Wahrheit und zur Selbstaufgabe in Gott) beeinflussten das deutsche Geistesleben.

Die asketische und selbstbesinnliche Literatur der Zeit zwischen 1070 und 1170 bewirkte eine Umgestaltung des gesamten Lebensgefühls, Auflockerung und Durchpflügung des Seelischen, das den Boden für eine künftige verfeinerte Kultur bilden konnte. Die Veredelung der ritterlichen Erotik ist u.a. das Verdienst der z.T. aus antiken Quellen gespeisten kirchlichen geistigen Durchbildung. Die starke Verweltlichung weiter Kreise ließ den Gegensatz von weltlichem und geistlichem Bereich immer deutlicher werden.

Geschichtlicher und geistiger Hintergrund:

Der Anteil der deutschen Stämme an der Literatur verschob sich in diesem langen Zeitraum wiederholt. Für das 8. Jh. ist auf bayrischen Boden erste glossarische Tätigkeit festzustellen. Sie geschah unter Fühlungnahme mit Wissenschaft und Kultur der Langobarden, die in Italien das antike Erbe direkt übernahmen.

Zur Zeit Karls des Großen traten hervor: Rhein- und Ostfranken, Alemannen, Bayern (Klöster Reichenau, St. Gallen, Fulda). Im Zusammenhang mit dem angelsächsischen Kulturraum Niedersachsen und Westfalen (nur geringe schriftliche Überlieferung).

Im 11. Jh. war der alemanische Raum (Kloster Hirsau, seit 1079) Einfallstor für kluniazensische Ideen. In Südostdeutschland erfolgte die Bearbeitung biblischer Stoffe ("Wiener Genesis" um 1070, "Wiener Exodus" um 1120, "Vorauer Sammlung" Ende des 12. Jh.). Der Rhein wurde Pflegestätte der Legendendichtung und des frühen Osterspiels sowie Aufnahmegebiet des von Frankreich kommenden vorhöfischen Epos. Von dort Verbreitung der epischen Stoffe nach Osten. Am Ausgang des frühen Mittelalters wurde Bayern unter den Welfen Heinrich dem Stolzen (gest. 1139) und Heinrich dem Löwen (Herzog 1154-1180) führend für das vorhöfische Epos.

Wo die geistliche Absicht überwog (in der Karolingerzeit und in der Salierzeit), war die Literatur populär, deutschsprachig, sie vernachlässigte die Form. Im 8. und 9. Jh. war literarische Tätigkeit zunächst grammatische Tätigkeit: Glossen, Glossare, Interlinearversionen, Übersetzungen. Daran schloss sich geistliche Gebrauchsliteratur: katechetische Stücke, Gebete. Schaffung und einer deutschen Prosa ist Verdienst Karls. Schließlich gelangte man zu Dichtungen über biblische Themen Heiligenleben. Übernahme des lateinischen Endreims in die deutsche Dichtung.

Die deutschen Dichtungen der althochdeutschen Epoche waren ohne Nachwirkungen. Zwischen ihnen und dem Sichtbarwerden einer neuen deutschsprachigen (mittelhochdeutschen) Literatur im 11. und 12. Jh. liegt eine Lücke, deren geistiger Gehalt durch Heranziehung lateinischer Dichtungen erschlossen zu werden pflegt, während doch diese Werke der kontinuierlich neben der deutschen Literatur bestehenden übernationalen mittellateinischen Literatur angehören. Die endgültige Vorherrschaft des Klerus unter den Sachsenkaisern ließ das Lateinische zur ausschließlichen Literatur-Sprache werden. Es hatte nun auch den neuen kirchlichen und Bereiche des deutschen Wortschatzes in sich aufgenommen. In der latischen Dichtung, in der Epik wie in der Vagantenlyrik, machte sich die Diesseitsbewegung in der Geistlichkeit bemerkbar. Vaganten sind nicht "Spielleute" oder "Fahrende", sondern von Universität zu Universität ziehende junge Geistliche und Gelehrte verschiedener Nationalität. Die Vagantenlyrik entstand aus der lateinischer Schulpoesie, die an Hand antiker Vorbilder auf den Hohen Schulen gelehrt wurde. Gelegentlich wurden Formen und Stoffe aus der volkstümlichen Lyrik der jeweiligen Muttersprache mit eingeflochten. Mittellateinische Lyrik ist gesammelt in der "Gambridger Liederhandschrift" (Ende10./Anfang 11. Jh.; Sequenzen und Lieder, herkömmlicherweise geistlichen, mitunter auch weltlichen Inhalts); Hauptbestand der eigentlichen Vagantenlyrik sind die "Garmina Burana" (Benediktbeuren, entstanden 13. Jh. in Oberdeutschland, über 300 Lieder).

Lateinische Dichtung:

In das 10. Jh. fallen auch die Anfänge des - zunächst lateinischen - geistlichen Dramas des Mittelalters. Es entwickelte sich aus dem in die Osterliturgie eingebauten Tropus, einer liturgischen Dichtung aus Prosasätzen, die zum Gesang bestimmt waren. Die drei Frauen, die den begrabenen Christus besuchen wollen, und der wachthaltende Engel am Grabe des Auferstandenen sangen abwechselnd: "Quem quaeritis in sepulchro, o Christicolae? / Jesum Nazarenum cruciflxum, o caelicolae... " Der in früher Zeit an verschiedenen Stellen des Ostergottesdienstes, vor allem im Introitus, verwendete Tropus gelangte zu dramatischer Ausgestaltung, nachdem er aus dem Zusammenhang der streng gebundenen Messfeier gelöst und an eine andere Stelle des Officiums, vor das Te Deum, gesetzt worden war. Der Tropus der "Visitatio", d.h. des Besuches der Frauen am Grabe, entstand zu Anfang des 10. Jh. und trat gleich in mehreren Varianten in Europa auf. Eine erste Angabe über die Stellung und Gestaltung der Visitatio innerhalb des Ostergottesdienstes findet sich in der Concordia regularis des Bischofs Äthelwold von Winchester (um 970). Neben der einszenigen Osterfeier bildete sich am Ende des 11. Jh. in Deutschland ein zweiszeniger Typ mit dem Wettlauf der Jünger und gleichzeitig im normannischen Raum ein anderer zweiszeniger Typ heraus, welcher der einfachen Visitatio die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena hinzufügte. Um 1130 entstand dann in Deutschland noch ein dreiszeniger Typ durch Einschaltung der Maria-Magdalena-Szene vor den Jüngerwettlauf. Verschiedentlich wurde in den Ostertropus auch die Ostersequenz "Victimae paschali" des Hofkaplans Wipo (gest. 1050) aufgenommen. Schließlich führte die in Frankreich geschaffene Mercatorszene aus der Liturgie hinaus und zum vierszenigen, im rheinischen Raum entstehenden lateinischen Osterspiel; aus ihm ging ein entsprechendes deutsches Osterspiel hervor.

Die Tropen waren schmückender Teil der Liturgie, zunächst in den Klöstern geschaffen und gepflegt. Sie wurden von zwei Halbchören, dann auch von Einzelstimmen gesungen und andeutend dargestellt. Die schon mit dem zweiten Typ des Ostertropus geforderte stärkere Charakterisierung und die mit dem dritten Typ durch neugeschaffene strophische Partien zunehmende Verselbständigung des Textes führten zu immer stärkerer Ausbildung des dramatisch-theatralischen Elements der Tropen, so daß eine Lösung nicht nur aus der Liturgie, sondern auch aus dem kirchlichen Raum nötig wurde. In Nachbildung des Ostertropus entstand ein Weihnachtstropus und aus diesem einWeihnachtsspiel (vgl. Weihnachtsspiel), das im 11. Jh. durch die Verkündigung des Engels an die Hirten, die weisen drei Könige (Magier-Officium) und den bethlehemitischen Kindermord erweitert wurde.

Die Hauptgattungen der deutschen Dichtung im frühmittelhochdeutschen Abschnitt seit der 2. Hälfte des 11. Jh.: Lehrgedicht, Predigt, Satire, Nacherzählung biblischer und legendärer Stoffe, religiöse Empfindungslyrik, Marienleben, Marienlyrik. Predigtton prägte diese Dichtung; Mariendichtung und Legende am Ausgang der Epoche bildeten mit ihren spannenden Stoffen den Übergang zu weltlichen Themen. Formale Verwilderung: Verse von sehr unterschiedlicher Länge, beliebige Füllung der Senkungen, Reimpaare zu ungleichen Abschnitten geordnet nach Art der lateinischen Sequenzen, auch regelmäßige Strophe. Denkmäler meist in Sammelhandschriften überliefert: "Wiener", "Vorauer", Milstätter Handschrift.

Die Dichtung gewann erst Größe, als die geistliche Herrschaft auf dem Rückzuge war und mit dem weltlichen Element paktieren mußte. Das vorhöfische Epos entstand im Konkurrenzkampf der Geistlichen mit den Spielleuten. Der Begriff "Spielmannsdichtung" ist Samrnelbegriff für nichthöfische und nichtgeistliche, nicht schriftlich fixierte Literatur. Die Spielmannsepik nimmt eine Zwischenstellung zwischen Heldenepik und höfischer Epik ein. Ihren Trägern, die nicht genau fassbar sind und keinen Stand und keine geschlossene soziale Gruppe bildeten, wird die durch anpassende Umdichtung oder nur durch Vortrag erreichte Tradierung älterer volkstümlicher Dichtung, heroischer und historischer Balladen, Kurzepen und Spruchdichtung, zugeschrieben.

"Spielmännisch" gilt als Stilkennzeichen für eine Gruppe von Epen des ausgehenden frühen Mittelalter, deren Stoffe, Motive und z.T. Erzähltechnik der unliterarischen Spielmannsdichtung entstammten. Die Verffasser dieser Epen waren Geistliche, die dem alten Erzählgut durch Verschmelzung mit Legendenmotiven eine neue Bedeutung gaben. Sie bedienten sich des in der geistlichen Buchepik gebräuchlichen, nach dem Muster der frz. höfischen Romanen verfeinerten paarig reimenden Kurzverses.

(Quelle: Frenzel, H.A. und E.: Daten deutscher Dichtung, Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte; Bd. 1 Von den Anfängen bis zum Jungen Deutschland. - 21. Auflage, München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH&co. KG 1984; ISBN 3-423-03003-8; S. 4-9)



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(© 21.03.2008 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 21.03.2008)
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