Literaturepochen
Literatur der Restaurationsepoche

Biedermeier 1815-1848 / 50
als literarische Epoche meist zwischen Romantik und Realismus angesetzt, mit Bezug auf die Entwicklungen zwischen 1815 und 1848 bisweilen auch als Vormärz oder Restauration bezeichnet. Die Epoche 1815-1848/50 umfasst mehrere sich zum Teil widerstreitende ideengeschichtliche und literarische Strömungen (vgl. Spätromantik, vgl. Byronismus, vgl. Junges Deutschland die spezifische Biedermeierdichtung, die Junghegelianer).

Explikation:

Aus der Kunst- und Kulturgeschichte stammt der von Paul Kluckhohn, Wilhelm Bietack, Günther Weydt durchgesetzte Begriff Biedermeier, der Leistung wie Grenzen der damaligen Lebenshaltung und Kunstübung kennzeichnen möchte. Unter Biedermeier soll nicht Ausweichen vor der Wirklichkeit, sondern deren Erhöhung und Stilisierung verstanden werden.

Das Wort Biedermeier tauchte zuerst auf als parodierende Bezeichnung für die Schwächen der Zeit in Eichrodts Gedichte der schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier und seines Freundes Horatius Treuherz ("in Fliegende Blätter", 1850; unter dem Titel "Biedermeiers Liederlust" als Buch 1865). Die Bezeichnung streifte allmählich das Parodistische ab und wurde zum Kennzeichen einer schlichten, genügsamen, bürgerlichen Kultur. In den ersten Jahren des 20. Jh. wurde sie zunächst auf die Innenarchitektur und auf die bildende Kunst der Zeit übertragen. Zum kulturgeschichtlichen Begriff wurde sie durch Max von Boehns Buch "Biedermeier", Deutschland von 1815-1847 (1911) und Georg Hermanns Dokumentensammlung "Das Biedermeier im Spiegel seiner Zeit" (1913).

Trotz F. Sengles umfangreicher Darstellung ("Biedermeierzeit", 3 Bände, 1971-80) hat er sich jedoch gegenüber konkurrierenden Epochenbezeichnungen (Restaurationsperiode, Vormärz) nicht allgemein durchgesetzt. In der Literatur wird die Bezeichnung Biedermeier etwa seit 1930 auf den Zeitabschnitt zwischen Romantik und Realismus bezogen, und zwar auf jene Werke, in denen aus politisch konservativer Sicht - im Gegensatz zu den liberal-revolutionären Bestrebungen Junges Deutschland - Achtung vor der überkommenen Ordnung, private Zurückgezogenheit, Melancholie, Verzicht und Resignation dominieren. Tagespolitische Bekenntnisse wurden abgelehnt, die kleineren Formen bevorzugt. In diesem Sinne typische Biedermeierdichtungen schrieben A. Stifter, Annette von Droste-Hülshoff, F. Grillparzer, F. Raimund, J. Gotthelf, E. Mörike, K. Immermann, E. von Bauernfeld, O. Ludwig, obwohl die meisten der Genannten gerade in ihren wesentlichen Leistungen die Grenzen des Biedermeier weit überschreiten.

Die Literatur dieser Epoche ist sehr vielfältig und geprägt durch christliche Erweckungsliteratur und das idyllische Biedermeier auf der einen, die engagierte Literatur des Vormärz und des jungen Deutschland sowie die Agitationsgedichte eines Georg Herwegh auf der anderen Seite bis zu der nihilistischen Erzählung "Lenz" von Georg Büchner. Trotzdem ist es möglich, die Literatur dieser Epoche als Einheit zu betrachten.

Historie:

In den 20 zigern begann die Auseinandersetzung der deutschen Literatur mit dem eigentlich Neuen des 19. Jh.: mit Realismus und Materialismus. Der vorangegangenen Epoche hatten politisch die Karlsbader Beschlüsse 1819 und die Wiener Schlußakte 1820 ein Ende gesetzt. Goethes Tod (1832), der Hegels (1831) und Schleiermachers (1834) kennzeichneten auch äußerlich den Abschluß des idealistischen klassisch-romantischen Zeitalters. Die junge Generation hat zu einem Teil versucht, an dem als Vorbild erkannten Erbe festzuhalten, aber mit der Aufnahme und Fruchtbarmachung realistischer Elemente wurde auch ihr Abstand immer deutlicher.

In der Klassik war zum letztenmal der Hof kultureller Mittelpunkt, in der Romantik der Adel erneut schöpferische Kraft. Kultur und Literatur des Biedermeier sind bürgerlich. Die durch die Restauration getragenen adligen Schriftsteller fühlten den Zwiespalt ihres Standes mit der Zeit, den sie manchmal durch Annahme bürgerlicher Namen zu überbrücken suchten (Lenau, Halm, Grün).

Das Bürgertum des Biedermeiers war nach der Revolutions- und Kriegszeit enttäuscht und müde. In der Mehrheit nicht unzufrieden mit dem Ergebnis des Wiener Kongresses und der Wiener Schlussakte, obgleich sie ihm keine Sicherung individueller Rechte gewährte, genoss es das beruhigende Gefühl, wieder in einer festen Ordnung zu leben. Es sehnte sich nach Zurückgezogenheit und Privatleben, und es fügte sich willig Ganzheiten wie Religion, Staat, Heimat, Familie. Man glaubte, politisch einen Mittelweg zwischen reaktionären und revolutionären Tendenzen gehen zu können. Restauration in überpolitischem Sinn bildet "die quantitative und qualitative Dominante" (Friedrich Sengle).

Die Karlsbader Beschlüsse, die Wiener Schlußakte und die Demagogenverfolgungen gaben dieser Neigung des Bürgertums Nahrung. Die Möglichkeit einer Mitarbeit am Staate wurde verweigert, die Stein-Hardenbergschen Reformen waren annulliert, die absolutistische Regierungsform des 18. Jh. lebte wieder auf. Andererseits arbeitete der seit 1830 einsetzende wirtschaftlich-technische Aufschwung einer politisch konservativen Haltung vor.

Die biedermeierliche Haltung dem Staat gegenüber stützte sich vor allem auf die Philosophie Friedrich Hegels (1770-1831). Durch ihn wurde der romantische Volksbegriff vom Begriff des Staates abgelöst ("Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse", 1821; Hegels Vorlesungen über "Die Philosophie der Geschichte", erschienen in der Gesamtausgabe 1832 ff.). Der von Hegel vorgestellte Staat ist der bestmögliche, also ein sittlicher, ein Rechtsstaat, dem sich zu beugen und für den zu arbeiten Verpflichtung sei. Diese konservative Interpretation geschah durch die biedermeierlichem Denken nahestehenden Rechtshegelianer, während die sogenannten Linkshegelianer den jungdeutschen Ideen vorarbeiteten.

Der nach 1815 einsetzende Zerfall Deutschlands in Einzelstaaten, die Ablösung Österreichs unterstützten die stammes- und landschaftsmäßige Verkapselung der Dichter und beschränkten ihre Wirkung. Die Verwurzelung im Heimatlichen - vor allem im österreichischen und schwäbischen Raum - war jedoch Ausgangspunkt, nicht Ziel der Kunst, wie später in der sogenannten Heimatliteratur. Die Dichter lebten oft in ländlicher Zurückgezogenheit, während sich die Jungdeutschen von großen städtischen Zentren angezogen fühlten.

Es gibt kaum Gruppen biedermeierlicher Künstler, keine Kunstkreise, Zeitschriften von Gruppen, keine Programme. Die Dichter lebten in der Vereinzelung und hatten keine Verbindung untereinander, der gesellige Kreis war oft kein künstlerischer. Während die heitere Oberfläche der biedermeierlichen Trivialität breiten Widerhall fand, war die Wirkung der dichterischen Persönlichkeiten in ihrer Zeit gering. Auf Mörike hat erst Storm hingewiesen, und erst die Vertonungen Hugo Wolfs haben ihn in ganz Deutschland bekannt gemacht. Ähnlich unerkannt stand die Droste-Hülshoff in ihrer Zeit. Stifter und Grillparzer vereinsamten nach anfänglichen Erfolgen und setzten sich erst am Ausgang des Jh. durch. Gotthelf gelangte im 20. Jh. zu voller Würdigung.

Literarische Tendenzen im Biedermeier:

Die auf Savigny fußende, wissenschaftlich maßgebende sogenannte Historische Schule, deren Hauptvertreter Leopold von Ranke (1795 bis 1886) ist, unterstützte ihrerseits die Verehrung von historischen Gegebenheiten und Überlieferungen, erzog zu einem starken Traditionsbewußtsein und zu konservativer Haltung.

Immermann rückte 1836 den Begriff des Epigonentums ins Bewußtsein, bot damit zugleich den Ansatz zur Überwindung spätromantischer Nachklänge. Die wachsende Kritik von liberaler Seite nötigte zu einer Klärung und Straffung der biedermeierlichen Dichtung. (Spätwerk von Stifter, Grillparzer, Mörike).

Während die Romantik sich häufig den Realitäten des Lebens gegenüber verschlossen oder sie im Fluge der Gedanken übersehen hatte, während die Jungdeutschen den Idealismus ablehnten und sich den fortschrittlichen Gedanken anvertrauten, versuchte das Biedermeier eine Synthese (Realidealismus), aber nur vorübergehend gelangte es jeweils zur Harmonisierung von Ideal und Realität. Der Künstler des Biedermeiers wehrte sich dagegen, reiner Nachzeichner der Vorgänge zu sein, die das 19 .Jh. immer mehr als von rationalen, kausalen, mechanischen, psychologischen oder politischen Gesetzen bestimmt entdeckte, obgleich das bürgerliche Element dieser "bürgerlich gewordenen deutschen Bewegung" (Paul Kluckhohn), wie schon in früheren Epochen, eine gewisse Rationalisierung und Realisierung förderte. Das Biedermeier beugte sich unter den Dualismus des Lebens, den Klassik und Romantik hatten überwinden wollen. Wenn man die Geisteshaltung weniger auf die unmittelbar vorangehende als auf die vorklassische Epoche bezieht, erscheint sie als "der letzte konsequente Versuch, die christlich-universalistische Kultur zu retten" (Friedrich Sengle). Die Ideale wurden bewahrt, aber der Gegensatz zur Wirklichkeit stark empfunden und zugegeben. Die Anerkennung des sittlichen Ideals führte zu Resignation und Entsagung im realen Bezirk: Bändigung der Leidenschaften und dämonischen Kräfte (Stifter, Grillparzer, Droste-Hülshoff, Mörike), Verzicht auf das große Leben, das Sichausleben der Jungdeutschen; statt dessen Schätzung des inneren Friedens, der Ordnung, des eingezogenen Glückes (vgl. den Schluß von Grillparzers Traum ein Leben, Mörikes "Holdes Bescheiden", Stifters "Das, was die Dinge fordern", Raimunds "Hobellied"). Unter Männern der Geschichte wird der Schwache, aber sittlich Reine bevorzugt (Grillparzers "Bancbanus" und "Rudolf II".).

Hier lagen die Gefahren der biedermeierlichen Geisteshaltung: die Scheu vor der Tat (vgl. Grillparzers "Bruderzwist"), die Neigung zum Quietismus, zur Unterordnung, zum Weg des geringsten Widerstandes. Die Begegnung mit der Realität spielte sich nicht im Raum der großen Spannungen ab, sondern in der Enge, im Alltag. Dort wurde sie als Kraftquelle bejaht, es wurde ihr nicht ausgewichen (vgl. die Auseinandersetzung mit dem Brotberuf bei Mörike, Stifter, Grillparzer). Erfüllung der Pflicht, Genügsamkeit, Fleiß und Hingabe an eine Arbeit, die um ihrer selbst und nicht um des Gewinns willen getan wurde, galten als vorbildlich. Das Ideal biedermeierlicher Lebenserfüllung war, im engen Bezirk fruchtbar zu wirken. Auf religiösem Gebiet ist dafür das Wiedererstehen des Pietismus bezeichnend. Stifters ästhetischem Ideal von der "Andacht zum Kleinen" entsprachen auf geisteswissenschaftlichem Gebiet Jakob Grimms Ausspruch von der "Andacht zum Unbedeutenden" und Rankes Methode, "aus dem Besonderen ins Allgemeine aufzusteigen". Das Biedermeier war die Epoche des "Sammelns und Hegens", der sachlich betonten Quellenslgg., die nicht nur historische Dokumente, sondern auch die Gegenwart erfaßten (Eckermann).

Die starken Kämpfe, die es kostete, von der idealistischen Sicht aus mit den Realitäten der Zeit fertig zu werden, machten aus den Dichtern des Biedermeiers häufig Schwermütige, Fliehende, Verzweifelte, Hypochonder. Wenn auch nur bei Lenau die Lebensangst - das Biedermeier ist die Zeit, in der Kierkegaards Philosophie entstand - bis in sein Schaffen vorbrach, bildete sie den Untergrund auch bei den übrigen. Während die Jungdeutschen sich den Zeitproblemen verschrieben, wurde ihnen die Zeit selbst zum Problem. Lenau starb im Wahnsinn, Raimund und Stifter durch Selbstmord, Mörike und Grillparzer waren beherrscht von Hypochondrie und Verbitterung, die Droste-Hülshoff ein Leben lang gequält von Krankheit und unerfüllten Lebenshoffnungen. Die Philosophen der neuen Zeit, Strauß, Feuerbach, Schopenhauer, bedeuteten ihnen Gefährdung ihrer Lebenshaltung. Eine Grenzerscheinung ist der Byronismus, in dem der Weltschmerz offen zum Ausdruck kam (Lenau).

Der Grundzug der biedermeierlichen Literatur ist als "Heiterkeit auf dem Grunde der Schwermut" bezeichnet worden (Paul Kluckhohn). Während in der Trivialität die Heiterkeit überwiegt, ist der schwermütige Unterton bei den dichterischen Persönlichkeiten stark spürbar. Die Heiterkeit war nicht ursprüngliche Anlage, nicht Harmlosigkeit, sondern eine, schwer erkämpfte Harmonisierung von Gegensätzen. Die Dichter waren übersensible Naturen, die vor jedem Anruf der Wirklichkeit mimosenhaft zurückschreckten und sich ihr doch immer wieder stellten.

Bei Stifter zeigt sich dieses Bemühen um Harmonisierung von Ideal und Realität in dem Ausspruch, Kunst sei "Arbeit an dem Himmlischen dieser Erde", Grillparzer formulierte: "Was die Lebendigkeit der Natur erreicht und doch durch die begleitenden Ideen sich über die Natur hinaus erhebt, das und auch nur das ist Poesie."

Alles, was die Harmonie sprengt, das Dämonische im Leben, die großen Leidenschaften, wurde nicht als schön und erhaben, sondern schmerzlich und zerstörend empfunden (vgl. Mörikes "Maler Nolten", Grillparzers "Sappho" und "Traum ein Leben"). Aus Stifters und Gotthelfs Werk scheinen die erotischen Leidenschaften verbannt, Mörike mied sie nach dem Peregrina-Erlebnis. Ähnliche Ablehnung fanden lautes Heroentum, Exzentrizität und Schwärmerei.

Gefühl und Phantasie waren stark ausgeprägt. Im Gegensatz zur Romantik sah man aber die künstlerische Aufgabe in der Bindung des Phantasiemäßigen an konkrete Lebenserscheinungen. "Der Detail-Realismus ist bei allen diesen Dichtern groß, aber das Ergebnis ist vorgegeben" (Friedrich Sengle); er charakterisiert in der Art des christlichen Naturalismus im wesentlichen die negativen Kräfte. Titanisches Bezwingen der Welt sowie das romantische Mittel der Wirklichkeitsüberwindung, die romantische Ironie, war den Dichtern des Biedermeiers fremd.

Dagegen hatten sie Humor, aus der Liebe zum Unscheinbaren. Tiefsinniger Humor war eins ihrer stärksten Mittel zur Wirklichkeitserfassung, bei Mörike und Raimund erhob er manche Dichtung zu schwereloser Anmut. Selbst in der Posse zeigte sich die melancholische Wurzel dieses Humors (Nestroy, Niebergall). In ihr kann die Aufhebung der grotesken Ordnungsstörung durch höhere Mächte unbedenklich durchgeführt (Raimund) und die Satire durch "Besserung" des Menschen gemildert werden (Nestroy).

In den Dingen und vor allem in der Natur gingen Ideal und Wirklichkeit in eins auf. Das Biedermeier brachte die stärksten Naturdichtungen, seine Dichter haben ein inniges und sehr reales Verhältnis zur Natur. "Die Betrachtung des Menschenlebens in seinen mannigfachen Erscheinungen ist mir der größte Reiz, nach dem Reiz, den die Natur für mich hat. Sie bleibt doch meine beste Freundin" (Lenau). Die dargestellten Landschaften sind viel spezifischer und realer als in der Romantik und haben ihre größte dichterische Stärke, wo sie vom Realen ins Mythische vorstoßen (vgl. Stifter, "Bergkristall", die Märchen und Balladen Mörikes, die Balladen der Droste-Hülshoff, die "Zaubergestalten" Raimunds). Das Gefühl für Stimmungen, für das Ineinandergreifen von Sinneswahrnehmungen, von Klang, Duft, Vision verband das Biedermeier mit der Romantik und wies schon auf den Impressionismus ( Droste-Hülshoff).

Auch das Interesse für Geschichte ist gekennzeichnet durch das Gefühl für das atmosphärische Eigenleben einer Epoche, durch eine realistische Freude an der Vergangenheit, besonders der engeren Heimat. Konservatismus im Sinne eines Bewahrens des Überkommenen, das weiterwirken soll: Bewußtsein des Transitorischen der Erscheinungen und des notwendigen Verzichts.

Das Politische, das ihnen als Vordergründiges, Einmaliges, Lautes erschien, und die aufkommenden materialistischen Ideen lehnten die Dichter des Biedermeiers ab. Sie glaubten nicht mehr daran, die Führerstellung der Dichtung des 18. Jh. aufrechterhalten zu können. Sie begnügten sich damit, Seismographen der Bewegungen und Gefährdungen ihrer Zeit zu sein. "Deutschland hat angefangen, sich auf das praktische Interesse zu werfen. Es ist mit der Kunst nichts mehr anzufangen, sie fängt an, nachdem sie theoretisch geworden, didaktisch werden zu wollen, und das war immer ihr, wenigstens momentaner, Untergang" (Grillparzer). Stifter lehnte die Jungdeutschen ab, weil sie "Tagesfragen und Tagesempfindungen in die schöne Literatur mischen". Lenau wandte sich gegen sie in Dichters Klagelied, Immermann karikierte Entartungen des Zeitgeistes in Münchhausen, die Droste-Hülshoff verurteilte die von den Jungdeutschen befürwortete Frauenemanzipation in "Die beschränkte Frau", Gotthelf lehnte die politische Lösung der sozialen Frage ab. Immer wieder brach durch die harmonische Klarheit der Dichtung die melancholische Unterstimmung durch, der Gedanke des Entsagens, der Vergänglichkeit, der unerfüllten Wünsche. Oft wurde die Dichtung Flucht in Erinnerung, Bild alter Zeiten, Märchen, Idylle. Es herrschte die Blickrichtung "wehmütig aufs Vergangene" (Mörike). Rückerinnernde Erzählungen (Stifter), Kindheitsgeschichten, Wunschträume (Mörikes "Orplid-Mythus"), Sehnsucht nach einfachem Leben (Immermann, Gotthelf, Stifter, Grillparzer), Vorliebe für Einsame, Käuze und Sonderlinge (vgl. Grillparzer, "Der arme Spielmann") belegen das. Zur Wahrung der Harmonie begrenzt man das Blickfeld, Stifter z.B. auf Haus und Garten, Gotthelf auf das Berner Oberland. Die Familie als Abbild einer höheren Ordnung ist wesentlicher Handlungsraum.

Sprachlich baute das Biedermeier auf dem klassisch-romantischen Erbe auf, der Ausdruck bleibt noch stark typisierend, ist unartistisch, jedoch empfindungsreich und vielgestaltig. Es war die Zeit des gepflegtesten Durchschnittsstils in der deutschen Literaturgeschichte. Man erstrebte und erreichte Volkstümlichkeit, die einem ausgedehnteren Leserkreis, vor allem durch Vermittlung der Leihbüchereien, entgegenkam.

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(© 16.01.2008 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 31.01.2008)
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