Sachwörterbuch der Deutschen Literaturwissenschaft
Allegorie
(gr. = etwas anders ausdrücken)
ist eine Form
uneigentlichen Ausdrucks, bei der eine Sache (Ding, Person, Vorgang)
aufgrund von Ähnlichkeits- und/oder Verwandtschaftsbeziehungen als
Zeichen einer anderen Sache (Ding, Person, Vorgang, abstrakter Begriff)
eingesetzt wird, die.
In der Rhetorik
wird die Allegorie als Stilfigur
unter den Tropus
(Rhetorik)
(Formen uneigentlichen Sprechens) eingeordnet und gilt dort
als fortgesetzte, d.h. über ein Einzelwort hinausgehende Metapher.
In der bildenden Kunst und in weiten Teilen der mittelalterlichen
und barockenLiteratur
tritt die Allegorie besonders in der Sonderform der Personifikation
auf, in der eine Person durch Attribute, Handlungsweisen und
Reden als Vesinnfälligung eines abstrakten Begriffs, z.B. einer
Tugend oder eines Lasters, agiert.
In der Auslegung mythologischer und heiliger Texte hat die Annahme
von Allegorien eine besondere Rolle gespielt bei dem Anliegen, den
überlieferten, in seiner wörtlichen Aussage teilweise unglaubwürdig
oder unverständlich gewordenen Text auf eine verborgene Weisheit oder
Wahrheit hin auszulegen und so das Denken und Glauben der eigenen
Zeit und Kultur als bereits in der Vergangenheit vorausgeahnt und
beglaubigt auszuweisen. In der christlichen Tradition hat sich hieraus
die Vorstellung vom mehrfachen biblischen Schriftsinn entwickelt,
wonach der biblische Text einerseits einen historisch wahren oder
als fiktional (Parabel) einzustufenden wörtlichen Sinn besitzt ('sensus
litteralis') und andererseits in mehrfach gestufter Bedeutung auf
historisch nachzeitige (typologischer Sinn), moralische (tropologischer
Sinn) oder eschatologische Dinge (anagogischer Sinn) auszulegen ist.
Als sprachlicher oder künstlerischer Ausdruck ist eine Allegorie von
vorneherein auf ihre Deutung hin konstruiert. Vom Hörer oder Betrachter
erfordert die Allegorie einen Gedankensprung vom Gesagten oder bildlich
Dargestellten zur gemeinten Bedeutung. Für den Betrachter, der mit
den geistigen oder historischen Zusammenhängen, aus denen die Allegorie
heraus konstruiert wurde, nicht vertraut ist, bleibt ihr Sinn oft
dunkel, und bei realistisch ausgeführten Allegorien, bei denen schon
die wörtliche oder unmittelbare Bedeutung an sich selber lehrreich
oder unterhaltsam erscheint, bleibt das Vorhandensein weitergehender
allegorischer Intentionen oft unbemerkt.
Die seit dem 18. Jahrhundert aufgekommenen Versuche, Allegorie und
Symbol voneinander abzugrenzen, zeichnen
sich oft durch philosophischen Tiefsinn aus, sind aber literatur-
und zeichentheoretisch wenig konsistent und führen bei der Anwendung
auf antike, mittelalterliche und auch barocke Allegorie zu historischen
Verkürzungen.