Literaturgattung - Dramatik
Dramentheorie - Bauform

Melodrama - Melodram
literarisch-musikalische Form, gleichzeitig oder abwechselnde Verwendung von Sprechstimme und Musik in einer szenischen Darbietung;

seit dem 20. Jh. Genrebezeichnung für Spielfilme (häufig Literaturverfilmungen) mit emotional aufgeladener Handlung um Liebe und Schicksal (einer weiblichen Figur).

Melodram:

Seit der Antike ist das Melodram bekannt (vgl. griechische Tragödie), erscheint dann im 18. Jh. erneuert durch Jean-Jacques Rousseau ("Pygmalion", 1771) auf den Bühnen der Theater; in Deutschland im Schuldrama, in der Oper ("Fidelio", Kerkerszene; "Freischütz", Wolfsschluchtszene), in Schauspielmusiken (Beethoven, "Egmont") und im modernen Musiktheater. Hier werden neue Differenzierungen entwickelt, zuerst durch Fixierung von Tonhöhe und Rhythmus der Sprechstimme (E. Humperdinck, "Die Königskinder", 1897), dann durch Verfeinerung ihrer Notation bei A. Schönberg "Moses und Aaron". Eine Mischung verschiedener Melodramformen enthalten A. Bergs Opern "Wozzek". G. Benda folgt in seinen Mono- und Duodramen (vgl. Lyrischesdrama) diesem Beispiel ("Medea", 1775) sie schlugen sich nieder in zahlreichen melodramatischen Stücken (z.B. Goethes "Proserpina" , vertont von K. S. von Seckendorff, 1778).

Melodrama:

Das Melodrama unterscheidet sich in zwei historisch wie formell unterschiedlichen Formen:

1. musikalisch-dramatische Mischgattung, die auf dem Prinzip des Melodrams basiert (vgl. Lyrisches Drama). Nach den beliebten, galant-empfindsamen Mono- oder Duodrama des 18. Jh.s pflegt die Klassik und die Romantik das Konzert-Melodrama, d.h. die Rezitation von Gedichten, v.a. Balladen, zu Klavier- oder Orchesterbegleitung (z.B. R. Schumann, "Balladen", op. 122, 1852; "Manfred", 1848; F. Liszt, "Lenore", 1858) und drang in die Oper ein (Beethoven, "Fidelio", 1805 bzw. 1814; Carl Maria von Weber, "Der Freischütz", 1821.

Das 20. Jh. übernimmt das herkömmliche Melodrama (zuerst R. Strauß, "Enoch Arden", 1900) oder differenziert es (A. Schönberg, u.a. "Pierrot lunaire", 1912): Es wird mannigfach kombiniert mit Ballett oder Pantomime (A. Honegger, Johanna auf dem Scheiterhaufen", 1935) mit szenischen Formen überhaupt (W. Walton, "Facade", 1931; I. Strawinsky, "Persephone", 1934; H.W. Henze, "Das Wundertheater", 1949) Melodramatische Formen beherrschen auch die Anfänge des Hörspiels.

2. aus dem musikalisch-dramatischen Melodrama hervorgegangene Dramenform mit charakteristischen Inhalt und Aufführungsstil (Gattung in der französischen und englischen Romantik); sie entwickelte sich zu einer der populärsten Theaterformen der europäischen Romantik, in England und Frankreich mitbedingt durch Gesetze, die das Sprechstück auf wenige lizenzierte Bühnen beschränkten und damit die anderen Bühnen zwangen auf Singspiel, Musikpantomime, Burletta und das musikalisch-dramatische Melodrama auszuweichen. Die Musik trat in letzterem jedoch bald zurück: charakteristisch wurde ein aufwendiger pathetischer Inszenierungsstil, der Vorrang schauriger und rührender Effekte vor einer glaubhaften Handlung, mittelalterlicher ("gotick") oder orientalischer Schauplätze und Helden. Teilweise in der Tradition des sentimentalen Rührstücks wurde das Melodrama um 1800 in Frankreich begründet von G. de. Pixérécourt (120 Melodramen, in England von Th. Holcroft, "A Tale of Mysterie", 1802. Wichtiges Vorbild waren Schillers "Räuber", sowohl für die Massenproduktion von Melodramen als auch für die anspruchsvollen romantischen Dramatiker (F. Grillparzer, "Die Ahnfrau", 1817, G.G.N. Byron, "Manfred", 1817; V. Hugo, "Hernani", 1830), die sämtliche Elemente des Melodramas verwendeten.

Das Melodrama bereicherte die Bühnentechnik (Hulins "Clous sensationnels"; L.J.M. Daguerres Lichteffekte und Panoramadekorationen zur Illusion unendlicher Weite). Die Autoren planten den Stimmungsreiz von Bühnenbild, Kostüm, Beleuchtung und Musik bewußt in ihre Stücke ein und gaben oft präzise Vorschriften ("Hernani", Karlsgruft und Schlußszene.

Historie:

Entstanden ist das Bühnenmelodram in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s in Frankreich. Den Hintergrund dafür bilden die kulturelle, ökonomische und politische Emanzipation im Zeitalter der Aufklärung, im Frühkapitalismus und in der Französischen Revolution von 1789. Realistische Abenteuer- und Kriminalgeschichten werden im Melodram von der magischen Umgebung des barocken Zauberspiels befreit.

Das gemeinsame Entsetzen über die Allgegenwart von Betrug, Gewalt und Korruption, die im Melodram zelebriert wird, einigt sein Publikum. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs trug es zu einer neuen Ordnung bei, in der Gesetz oder Polizei nicht als Mittel zur Unterdrückung durch die Obrigkeit, sondern als etwas Gemeinnütziges gelten sollten. Arbeitseifer, Mut und Redlichkeit als Ideale einer bürgerlichen Ethik wurden fortan ins Zentrum gestellt. So entwickelte sich das Melodram zu einer Kulturform des Bürgertums, in der die Adeligen und der Klerus, aber auch das Proletariat kritisiert wurden.

Das Melodram kann als Abgrenzung einer selbstbewussten aufstrebenden Mittelschicht gegenüber dem entstehenden Proletariat verstanden werden. Den Gegensatz zwischen Komödie und Tragödie konnte man bis dahin sowohl als Unterschied zwischen Bürgerlichem und Aristokratischen als auch zwischen Lächerlichem und Ernsthaften verstehen. So kam das Melodram einem Kleinbürgertum entgegen, das sich auf der Bühne nicht mehr nur lächerlich dargestellt sehen wollte (vgl. Ständeklausel). Das Rührstück eines Denis Diderot oder Jean-Jacques Rousseau, auch die bürgerlichen Tragödien von Gotthold Ephraim Lessing und die moralistischen Dramen von Friedrich Schiller sind Vorbilder des Melodrams.

Der französische Theaterschriftsteller René Charles Guilbert de Pixérécourt gilt als erster, der dieses Genre populär machte. Am Pariser Boulevard du Temple wurden in der Nachfolge der Pariser Jahrmarktstheater feste Spielstätten erstellt, in denen Pantomimen und Melodramen zur Aufführung kamen. Einer der berühmtesten Darsteller hier war Frédérick Lemaître.

Am französischen Melodram orientierten sich auch zahlreiche deutsche Bühnenschriftsteller wie August von Kotzebue und später Charlotte Birch-Pfeiffer oder Karl von Holtei. Im englischen Sprachgebiet konnte sich das Melodrama als akzeptierte dramatische Gattung entfalten, während es in der deutschen Theaterlandschaft trotz seiner Beliebtheit in einem Tabubereich verblieb.

Indem das “Bastardgenre” oder “genre larmoyant”, wie es schon damals verächtlich genannt wurde, sich stärker für die emotionalen Leiden und individuelle Wege zur Glückserfüllung interessierte, wurde Abstand genommen von der Weltsicht der aristokratischen Tragödie, nach der der Mensch allein dem fremdbestimmten Schicksal oder dem göttlichem Willen ausgeliefert ist und seine Pflicht über seine Neigungen stellen muss.

Eine Spielart des Melodrams auf der Opernbühne war die Verismo-Oper.

Im 20. Jh. wurden die Stilmittel des Melodrams vom Film übernommen und weiterentwickelt. Heute gibt es das Bühnenmelodram so gut wie nicht mehr, da sich die populäre Unterhaltung auf andere Medien verschoben hat.

(Quelle: Metzler--Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen; hrsg. von Günther u. Irmgard Schweikle, [Mitarb. Irmgard Ackermann ...]. - 2. überarbeitete Auflage, Stuttgart: Metzler 1990; ISBN 3-476-00668-9; S. 299; Autor: Dr. Herta-Elisabeth Renk, Eichstätt

Wikipedia, Die freie Enzyklopädie; nach GNU Free Documentation License (GNU-Lizenz für freie Dokumentation).



Sekundärliteratur

Brooks, Peter: The Melodramatic Imagination. Balzac, Henry James and the Mode of Excess. Yale: Univ. Press 1976

Corsten, V.: Von heißen Tränen u. großen Gefühlen. Funktionen des Melodramas im ›gereinigten‹ Theater des 18. Jahrhunderts (1999).

Davies, Robertson: The mirror of nature; 1996 - Repr. - XIV, 129 S. Sprache: Englisch Buch

Hadley, Elaine: Melodramatic tactics : theatricalized dissent in the English marketplace, 1800 - 1885; 1995 - VIII, 303 S. : Ill. Buch

Hays, Michael; Nikolopoulou, Anastasia (Hrsg.): Melodrama. The Cultural Emergence of a Genre. New York: St. Martin's Press 1999

Humperdinck, Eva hrsg.: Königskinder, ein Märchen in drei Akten von Ernst Rosmer, Musik von Engelbert Humperdinck : Briefe und Dokumente zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Melodrams "Königskinder"; 2003 - Lizenzausg., [Neuaufl.] - 186 S. : Ill., Noten : 24 cm, 399 gr. Sprache: Deutsch Buch

Kühn, Ulrich: Sprech-Ton-Kunst : musikalisches Sprechen und Formen des Melodrams im Schauspiel- und Musiktheater (1770 - 1933); 2001 - VIII, 323 S. Sprache: Deutsch Hochschulschrift

Lord Byron: Manfred : dramatische Dichtung in drei Abtheilungen; von Lord Byron. (Übers. von F. W. Suckow). Musik von Robert Schumann; 1920 - [Textbuch] - 36 S.Sprache: Deutsch Buch

Richerdt, Dirk: Studien zum Wort-Ton-Verhältnis im deutschen Bühnenmelodram : Darstellung seiner Geschichte von 1770 bis 1820; 1986 - 456 S. Diplom/Doktorarbeit Bonn, Univ., Philos. Fak., Diss., 1985 Sprache: Deutsch Buch

Sabatier, Guy: Le mélodrame de la République sociale et le théâtre de Félix Pyat; 1999 Sprache: Französisch mehrbändiges Werk, Buch

Schwarz-Danuser, Monika: Lieto fine und Pantomime : Abbé Voglers Melodram Lampedo im gattungsgeschichtlichen Zusammenhang; 2003 Quelle: Abbé Vogler - ein Mannheimer im europäischen Kontext: hrsg. von Thomas Betzwieser ...: 2003: S. 227 - 246: Quellen und Studien zur Geschichte der Mannheimer Hofkapelle ; 7 Sprache: Deutsch Artikel

Steinitzer, Max: Zur Entwicklungsgeschichte des Melodrams und Mimodrams; 1919 - VI, 74 S. Sprache: Deutsch Buch

Vittorini, Fabio: Shakespeare e il melodramma romantico; 2000 - 1. ed. - VIII, 486 S. Sprache: Italienisch Buch

{(Quelle: )}

(© 26.04.2007 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 13.05.2007)
  • Yahoo
  • Google Literatur Forum  
  • Google
  •  
     


    Verantwortlich für Idee,

    Konzeption und Durchführung.

    © für Layout

    Gerd Groß
    Wenn sich Fehler auf dieser Seite eingeschlichen haben, dann schreiben sie uns!

    Kontaktformular

    Sie sind an einer Mitarbeit interessiert?
    Wir freuen uns auf Sie.