Literaturgattung - Dramatik
Dramentheorie - Bauform)

Episches Theater
Vor allem durch Bertolt Brecht entwickelte und (in marxistischen Sinne) theoretisch fundierte Form des modernen Theaters und Dramas.

Explikation:

Ausgangspunkt der Brecht'schen Theorie des epischen Theaters ist die "aristotelische" Wirkungsästhetik des neuzeitlichen Dramas (Brechts: "aristotelische Dramatik"), deren "Hauptpunkt" nach Brecht der psychologische Akt der "Einfühlung" des einzelnen Zuschauers in die handelnden Personen ist (Furcht und Mitleid, Katharsis). Brecht sieht einen Zusammenhang zwischen dieser "Einfühlung" und der bürgerlich-liberalen Vorstellung der "freien" Einzelpersönlichkeit; er fordert (parallel zur Emanzipation der Produktivkräfte von ihrer Bindung an die "Einzelpersönlichkeiten" des bürgerlichen Unternehmers im Zuge einer Sozialisierung der Produktionsmittel) eine Emanzipation der Zuschauer von der individuell ausgerichteten Einfühlung; die Emotionen, die damit nicht ganz aus der Wirkungsästhetik des Dramas verbannt werden, sollen durch ihre Koppelungen mit rationalen und kritischen Reaktionen des Zuschauers an ein spezifisches Klasseninteresse gebunden werden und damit kollektiven Charakter erhalten. Dies bedeutet zugleich eine Änderung der pädagogischen Zielrichtung des Dramas: während das neuzeitliche Drama das bürgerliche Individuum durch "Furcht und Mitleid" moralisch bessern will, geht es Brecht um eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in marxistischem Sinne; der Zuschauer soll im Bühnengeschehen nicht ein unabänderliches Faktum sehen, dessen Wirkung ihn allenfalls persönlich erschüttern kann, vielmehr soll er mit einer veränderlichen Welt konfrontiert werden und daraus Konsequenzen ziehen. Das Drama wird dadurch zu einem Vehikel sozialer und politischer Revolution und ist entschieden politisch (marxistisch) Weltanschauungstheater

Diese neue "nichtaristotelische" Wirkungsästhetik des Brecht'schen Dramas bedingt eine dramatische Bauform, deren Strukturen von Brecht, z.T. im Anschluss an Goethes und Schillers Erörterungen der epischen und dramatischen Dichtung (Briefwechsel aus dem Jahr 1797), als "episch" bezeichnet werden. Grundstruktur ist dabei die Verfremdung der dramatischen Handlung; sie soll eine emotionelle Verwicklung des Zuschauers in das Bühnengeschehen verhindern und an ihrer Stelle Distanz als Voraussetzung kritischer Betrachtung schaffen. Für die Anlage der dramatischen Handlung bedeutet dies, dass zur unmittelbaren Darstellung auf der Bühne die argumentierende Kommentierung der szenischen Aktion durch einen Erzähler, durch eingeschobene Lieder und Songs, durch Spruchbänder bzw. auf den Bühnenvorhang projizierte u.a. tritt. Auf Grund der ständigen Kommentierung der dramatischen Handlung fehlt dieser auch das für das neuzeitliche Drama charakteristische Kriterium der Spannung und Konzentration; an die Stelle des streng gebauten fünf- bzw. dreiaktigen Dramas tritt eine lockere Montage einzelner Szenen, deren jede für sich steht (Selbständigkeit der Teile an Stelle der Funktionalität der Teile im neuzeitlichen Drama) und an denen dem Zuschauer jeweils paradigmatisch etwas gezeigt wird. Der Schluss des Dramas bleibt in einem dialektischen Sinne offen - der Zuschauer muss die Antwort auf die im Drama aufgeworfenen Fragen selbst finden; erst durch seine (politische) Entscheidung kommt das Drama zu einem eigentlichen Abschluss.

Definition:

Dramatische Form des Theaters
Epische Form des Theaters
handelnd
verwickelt den Zuschauer in eine Bühnenaktion
verbraucht seine Aktivität
ermöglicht ihm Gefühle
Erlebnis
Der Zuschauer wird in etwas hineinversetzt Suggestion
Die Empfindungen werden konserviert
Der Zuschauer steht mittendrin, miterlebt
Der Mensch als bekannt vorausgesetzt
Der unveränderliche Mensch
Spannung auf den Ausgang
Eine Szene für die andere
Wachstum
lineare Handlung
evolutionäre Zwangsläufigkeit
Der Mensch als Fixum
Das Denken bestimmt das Sein
Gefühl
erzählend
macht den Zuschauer zum Betrachter, aber
weckt seine Aktivität
erzwingt von ihm Entscheidungen
Weltbild
er wird gegenübergesetzt
Argument
bis zu Erkenntnissen getrieben
Der Zuschauer steht gegenüber, studiert
Der Mensch ist Gegenstand der Untersuchung
Der veränderliche und verändernde Mensch
Spannung auf den Gang
Jede Szene für sich
Montage
in Kurven
Sprünge
Der Mensch als Prozeß
Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken
Ratio

Wechselbeziehung Zuschauer/Bühne (episches Theater):

Theater und Gesellschaft standen für Brecht in einem ständigen Austausch und in einer Wechselwirkung zueinander. Theater sollte die Gesellschaft widerspiegeln und das im Theater Gesehene sollte den Zuschauer dazu anregen, über die Gesellschaft und seine eigenen Positionen nachzudenken. Dieser Denkprozess sollte nach Brecht gesellschaftliche und politische Veränderungen in Gang setzen, weil der Zuschauer mit den gezeigten und gleichzeitig realen Zuständen nicht zufrieden ist und gegen diese rebelliert. Demzufolge sah Brecht das Theater auch nicht in seiner gemeinhin elitären Stellung für die Oberschicht, sondern als Lehrstück insbesondere für das Proletariat. Weiter ist es auch, abgesehen von den eindrücklichen Stücken von Klaus Koppe, einer der revolutionärsten Eingriffe in das System eines geordneten Theaters.

Historisierung (episches Theater):

Um das "Theater des wissenschaftlichen Zeitalters" zu schaffen, welches den Zuschauer auffordert, die Gesellschaft im marxistischen Sinne zu verändern, bediente sich Brecht u.a. der Technik des Verfremdens und der Historisierung. (AH) Bei der Historisierung handelt es sich um eine Erzähltechnik, die z.B. im Leben des Galilei zu finden ist. Um Erkenntnisse aus der gesellschaftlichen Situation der Gegenwart zu ziehen, wird "ein bestimmtes Gesellschaftssystem vom Standpunkt eines anderen Gesellschaftssystems betrachtet" (Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in 20 Bänden, Frankfurt a.M. 1967, Band 16, S. 653). Dies ermöglicht darüber hinaus ein tieferes Verständnis dieser Epoche im Vergleich zum aktuellen Gesellschaftssystem: "Die Klassiker haben gesagt, daß der Affe sich am besten vom Menschen aus, seinem Nachfolger in der Entwicklung, begreifen lasse.“ (Bertolt Brecht, "Gesammelte Werke in 20 Bänden", Band 16, S. 610).

Verfremdungseffekt im epischen Theater:

Die Verfremdungseffekte, kurz V-Effekte, werden dagegen angewandt, um den Zuschauer der Illusion des Theaters zu berauben und über das Dargestellte nachdenken zu lassen. Er soll der Auslöser für die Reflexion des Zuschauers über das Dargestellte sein. Nur über das Verfremdete, dem Zuschauer unbekannte und merkwürdig erscheinende, denkt dieser intensiver nach, ohne es hinzunehmen. Als Beispiel ist der Blick Galileo Galileis zu nennen, der einen schwankenden Kronleuchter als fremd betrachtet. Erst wenn das Bekannte und Alltägliche – wie beispielsweise gesellschaftliche Verhältnisse – in einem neuen, ungewohnten Zusammenhang erscheint, beginnt der Zuschauer mit einem Denkprozess, der in einem tieferen Verständnis dieses eigentlich längst bekannten Sachverhalts mündet. Dies kann sich beispielsweise in einer Historisierung der Personen oder Ereignisse niederschlagen: "Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugier zu erzeugen [...] Verfremden heißt also Historisieren, heißt Vorgänge und Personen als vergänglich darzustellen“ (Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in 20 Bänden, Band 15, S. 301).

Verfremdungseffekte
Erzählerkommentare zum Publikum
Spruchbänder
Plakate
Songs
Chöre

Unterhaltung im epischen Theater:

Episches Theater sollte unterhaltend sein in dem Sinne, dass Produktivität Unterhaltung darstellt. Der Zuschauer soll sich nicht mit dem Gezeigten identifizieren und sich davon passiv berieseln lassen, sondern aktiv durch Nachdenken am Geschehen teilnehmen. Der Aspekt der Unterhaltung bestand also für Brecht im Denk- und Reflexionsprozess beim Zuschauen.

Das epische Theater will:
  • einen aktiv mitdenkenden Zuschauer, der das Geschehen auf der Bühne als Spiel durchschaut und seine Lehren daraus zieht (Lehrstücke)
  • die Illusion des Bühnenerlebnisses aufheben
  • die Aktivität des Zuschauers vor allem durch sog. Verfremdungseffekte (V-Effekte) wecken
  • die Kritikfunktion des Dramas betonen und die Unterhaltungsfunktion zurückdrängen

Historie:

Brecht entwickelt sein episches Theater in mehreren Stufen: am Anfang stehen die "epischen Opern" ("Die Dreigroschenoper", 1928; "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", 1928/29); es folgen die provokativen marxistischen Lehrstücke (vgl. Lehrstück) ("Der Jasager und der Neinsager", 1929/30; "Die Maßnahme", 1930; "Die Mutter", 1930; u.a.); den Höhepunkt des epischen Theaters Brechts bilden die großen Dramen der Emigrationszeit ("Mutter Courage und ihre Kinder", 1937/38; "Leben des Galilei", 1938/39; "Der gute Mensch von Sezuan", 1938/40; "Der kaukasische Kreidekreis", 1944/45).

Brechts episches Theater wird in jüngster Zeit vor allem durch Peter Weiss weitergeführt ("Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats", 1964; "Hölderlin", 1971). Epische Strukturen finden sich auch sonst im modernen Drama, z.B. bei Paul Claudel ("Le Soulier de Satin", 1919-1924) oder Th. Wilder ("Our Town", 1938).

(Quelle: Metzler--Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen; hrsg. von Günther u. Irmgard Schweikle, [Mitarb. Irmgard Ackermann ...]. - 2. überarbeitete Auflage, Stuttgart: Metzler 1990; ISBN 3-476-00668-9; S. 130-131; Autor: Dr. Jürgen Kühnel, Siegen

http://www.hajer.com/unterricht/deutsch/gattungen/drama/episches_theater.htm)


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(© 02.05.2007 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 13.05.2007)
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