Literaturgattung - Didaktik
Parabolische Form

Gleichnis
Gleichnisse sind meist kürzere Texte, die mit didaktischem Anspruch einen komplexen oft theoretischen Sachverhalt in Form einer bildhaften und konkreten Darstellung abbilden. Man unterscheidet zwei Textebenen: die Ebene des Gesagten und die Ebene des Gemeinten. Diese beziehen sich aufeinander und berühren sich schließlich im Vergleichsmoment.

Explikation:

Das Gleichnis ist eine durch rhetorische oder erzählerische Mittel eine erweiterte Form des Vergleichs. Dabei wird zur Veranschaulichung eines Vorgangs oder Zustands einer Beziehung zu einem entsprechenden anderen, meist sinnlich konkreten Bereich hergestellt. Diese Beziehung wird , anders als in der Parabel, ausdrücklich durch Vergleichspartikel (so ... wie) deutlich gemacht. Vorraussetzung ist, dass den beiden Vergleichsbereichen ein Moment gemeinsam ist ("tertium comparationis"). Berühmt sind die homerischen und biblischen Gleichnisse.

Das Gleichnis aufgebaut wie die Fabel vergleicht in einen anderen Lebensbereich einen Sachverhalt, verknüpft im Gegensatz zur Fabel nur in einem Punkte unmittelbar mit dem Gegenstand, es bedarf keiner selbständigen Handlung, ist Abbild, Umsetzung des Abstrakten ins konkrete Bild. Alle seine Glieder lassen sich durch Analogieschluß zurückführen auf den abstrakten Kern des Gleichnisses.

Es "hat die Absicht der Verdeutlichung. Ein Fremdes wird uns aufgeklärt, wenn wir durch Vergleichung erfahren, welchem Heimbekannten es ähnelt."
( Broder Christtansen, Die Kunst des Schreibens. Eine Prosa Schule. o.J., S. 239)

Z.B. im Neuen Testament: "Das Himmelreich ist einem Sauerteig gleich, den ein Weib nahm und vermengte ihn unter drei Scheffel Mehl, bis daß es gut durchsäuert ward."
(Matthäus 13,33)

Historie:

Das Gleichnis ist ein in allen Literaturen und zu allen Zeiten verwandtes Stilmittel gewesen.

Unterscheidungsmerkmale:

Gotthold Ephraim Lessing unterscheidet Sachteil und Bildteil: "Ein Sachverhalt, eine Abstraktion, ein Gedanke (=Sachteil) werde umgesetzt in einen anderen Lebensbereich, in ein konkretes Bild (=Bildteil); diese Umsetzung könne dabei mit oder ohne selbständige Handlung, mit oder ohne Deutung im Gleichnis erfolgen; der Zweck sei die Enthüllung, um das Verstehen zu fördern". Johann Gottfried Herder setzt dem entgegen, dass das Gleichnis mehr der Verhüllung einer Lehre als zu deren Enthüllung diene: "Parabel ist eine Gleichnisrede, eine Erzählung aus dem gemeinen Leben, mehr zur Einkleidung und Verhüllung einer Lehre als zu ihrer Enthüllung" ("Über Bild, Dichtung und Fabel", S.43). Herders Auffassung trifft auf viele Gleichnisse im Neuen Testament zu, denn Jesus will nichts direkt preisgeben, sondern die Zuhörer sollen nachdenken und selbst die Wahrheit entdecken.

Oft wird der Unterschied zwischen Gleichnis und Parabel betont: das Gleichnis sei kurz, ohne selbständige Handlung, mit Deutung; die Parabel sei lang, mit selbständiger Handlung, ohne Deutung. Diese Unterscheidung lässt sich nicht konsequent durchführen und sollte aufgegeben werden, da die Übergänge fließend sind und in der Literatur der Begriff Gleichnis oft synonym für Parabel, Abbild, Bild, Beispielerzählung und sogar für Fabel und Metapher benutzt wird.

Die Bibelwissenschaft unterscheidet heute zwischen dem eigentlichen Gleichnis, der Parabel, der Beispielgeschichte und der Allegorie.

Gleichnis Das Gleichnis gebraucht ein Bild, das auf eine alltägliche, jedermann bekannte Sache hinweist; z.B. den Hirten, der sein verlorenes Schaf sucht (Lukas 15,4ff).
Parabel Die Parabel ist eine frei erfundene Geschichte, die nicht alltäglich ist, die aber irgendwann einmal so passiert sein könnte. Sie apelliert nicht an die Vernunft, sondern an das Herz; z.B. "Ein Mann hatte zwei Söhne ..." (Lukas 15,11ff). Die Parabel konzentriert sich auf einen Brennpunkt.
Beispielgeschichte Die Beispielgeschichte ist ein Musterfall, ein Beispiel, das die Hörer nachahmen sollen; z.B. die »Geschichte vom barmherzigen Samariter« (Lk 10,29ff): "So gehe hin und tue dergleichen!"
Allegorie Die Allegorie erzählt eine Geschichte, bei der die einzelnen Personen oder Umstände immer einen anderen Sinn im Auge haben. Eine solche Geschichte muss Zug um Zug ausgelegt werden, da jeweils etwas anderes gemeint ist, als gesagt wird: z.B das Sämannsgleichnis in Mk 4,1-8 und die Auslegung in Mk 4,14-20.

"Die vierte Quelle der Erfindung ist die Gleichniß, aus welcher viel hellscheinende Gedanken herfliessen"
(Georg Phillipp Harsdörffer)

Biblisches Gleichnis:

In der historisch-kritischen Bibelexegese der letzten Jahrzehnten wurde der Gleichnisbegriff weiter differenziert und untergliedert. Die Theologen unterscheiden meist zwischen Gleichnis im eigentlichen Sinne, Parabel und Allegorie. Der Unterschied zwischen Gleichnis/Parabel und Allegorie ist am deutlichsten. Parabel wie Gleichnis haben nämlich nur einen Vergleichspunkt, das heißt, ein zentrales Bild, dem eine bestimmte Bedeutung entspricht. Bei einer Allegorie korreliert hingegen jedes einzelne Element derselben mit einem bestimmten Bedeutungsgehalt.

Das Gleichnis im eigentlichen Sinn und die Parabel unterscheiden sich nur durch Nuancen bei der Thematik. So stellt ein Gleichnis im eigentlichen Sinn eine Szene des alltäglichen Lebens dar, quasi ein ausgestalteter Vergleich. Eine Parabel hingegen beginnt mit einer scheinbar alltäglichen Szene, die aber dann durch eine überraschende Wendung zum Nachdenken anregen sollte.

Homerisches Gleichnis:

Homer (8. Jh.) hat in "Ilias" und "Odyssee" als erster europäischer Dichter konkrete Situationender Handlung mit Gleichnissen illustriert. Die nachfolgenden Dichter, so Vergil wie Ovid, waren dieser Tradition verpflichtet und verarbeiteten entsprechend Gleichnisse in ihren Epen. Allerdings hat Homer diese Gleichnisse dazu benutzt, das heroische Handeln seiner Hauptpersonen zu illustrieren, Ovid zumindest persifiliert, indem er der Form nach einhomerisches Gleichnis dazu nutzt, z.B. das Abschlachten des Orpheus durch die wahnsinnigen Maenaden zu illustrieren: "denn er setzt ihr Handeln mit dem Eindruck bei einer Tierhatz im Amphitheater gleich, in der morgens vor den Gladiatorenkämpfen, Massen an Tieren entweder von Jägern mit Pfeil und Bogen erschossen oder von Hunden gejagt und gerissen wurden."

(Quelle: Sachwörterbuch zur deutschen Literatur, Volker Meid, Philipp Reclam jun. Stuttgart;
Poetik in Stichworten, Prof. Dr. Ivo Braak, 7., überarbeitete und erweiterte Auflage von Martin Neubauer, Verlag Ferdinand Hirt;
Wikipedia, Die freie Enzyklopädie, Gleichnis )


Sekundärliteratur

Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 11. Aufl. 1998 ISBN 3-525-53514-7 (klassisch; Erstauflage Zürich 1947)

Craig L. Blomberg: Die Gleichnisse Jesu, TGV, 1998, ISBN 3-417-29428-2

Kurt Erlemann: Gleichnisauslegung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. UTB 2093. Francke, Tübingen/Basel 1999 ISBN 3-8252-2093-1

Wolfgang Harnisch: Die Gleichniserzählungen Jesu. Eine hermeneutische Einführung. UTB 1343. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 4., grundlegend rev. Aufl. 2001 ISBN 3-8252-1343-9

Luise Schottroff, Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2005.

Peter Müller, Die Gleichnisse Jesu: Ein Studien- und Arbeitsbuch für den Unterricht, Stuttgart 2002.

Adolf Jülicher, Die Gleichnisreden Jesu. 2 Bände, 2. Auflage Tübingen 1910.

Dan O. Via, Die Gleichnisse Jesu. Ihre literarische und existentiale Dimension, München 1970.

Hans Weder, Die Gleichnisse Jesu als Metaphern. Traditions- und redaktionsgeschichtliche Analysen und Interpretationen, Göttingen 4. Auflage 1990.

C. Kähler, Jesu Gleichnisse als Poesie und Therapie. Versuch eines integrativen Zugangs zum kommunikativen Aspekt von Gleichnissen Jesu, Tübingen 1995.

Ulrich Mell (Hg.), Die Gleichnisreden Jesu 1899-1999. Beiträge zum Dialog mit Adolf Jülicher, Berlin/ New York 1999.

{(Quelle: )}

(© 01.01.2007 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 01.01.2007)
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