Gnomische
Form - Kurzform (Aphoristik)
Fragment
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wörtlich
"Bruchstück" (lat. fragmentum), ist die Bezeichnung
für eine eigene literarische Form, bruchstückhaft erhaltenen,
aber ursprünglich vollständigen Text (z.B. "Hildebrandslied"),
weiterhin für ein unvollendet gebliebenes Werk (Novalis,
"Heinrich von Ofterdingen", 1802; Heinrich
von Kleist, "Robert Guiskard", 1808) und
schließlich für eine eigene literarische Form.
Explikation:
1. unvollständig (etwa ohne Anfang oder Schluß)
überlieferte Werke, besonders aus der Antike und dem Mittelalter
(Aristoteles "Poetik"; Tacitus "Historien";
"Hildebrandslied")
2. unvollendet gebliebene oder aufgegebene Werke,
wobei die Unterscheidung nach äußeren Gründen,
z.B. Tod des Autors,
und innere Notwendigkeit, etwa Scheitern an der formalen oder
gedanklichen Problematik, nicht immer möglich ist. Künstlerische
bedeutende Fragmente dieser Art finden sich im Werk z.B. Woframs
von Eschenbach "Willehalm", "Titurell";
so gut wie bei Goethe
"Achilleis", "Natürliche Tochter";
Schiller
"Demetrius"; Hölderlin
"Tod der Empedokles"; Kafka
(sämtliche Romane) oder Thomas
Mann "Felix Krull". Besonders im Mittelalter
ist es nicht ungewöhnlich, dass solche Fragmente von anderen
Autoren
vollendet wurden, so Gottfrieds
von Straßburg "Tristan" durch Ulrich
von Türheim und noch einmal durch Heinrich von Freiberg,
Konrad von Würzburg "Trojanerkrieg" durch einen
unbekannten. In der Neuzeit gibt es philologische Rekonstruktionsversuche
mit Hilfe von Entwürfen aus dem Nachlass (Büchners
"Woyzeck"; Musils
"Mann ohne Eigenschaften).
3. die bewußt gewählte literarische Form,
die sich als Fragment gibt und ihre Wirkung aus der vorgeblichen
Unabgeschlossenheit oder Unfertigkeit gewinnt. Sie entsteht
unter dem Eindruck der fragmentarischen Überlieferung der
antiken Autoren
in der Renaissance.
Herder
"Fragmente über die neuere deutsche Literatur";
Lavater "Physiognomische Fragmente"; Fallmerayer "Fragmente
aus dem Orient" u.a. nutzen sie essayistsch. In der englischen
Romantik
erhält das literarische Fragment Bedeutung in der Nachfolge
der Mc Phersonschen "Fragments of Ancient Poetry"
bei Colerighe "Kubla Khan"; Keats "Hyperion"
und Byron "The Giaour". Das aphoristische Fragment
wird zum zentralen Ausdrucksmittel der Jenaer Frühromantik.
Fragmente erscheinen in ihren Zeitschriften, so im "Athenäum"
der Brüder Schlegel "Lucinde; Novalis
"Heinrich von Ofterdingen"; Achim
von Arnim "Die Kronenwächter", in
der Neuromantik Hugo
von Hofmannsthal "Andreas oder die Vereinigten".
4. Gelegentlich werden literarische Werke, die nur äußerlich
abgeschlossen sind, als innere Fragmente bezeichnet (Goethes
"Faust").
Historie:
Das Fragment als literarische Form ist eine Entwicklung der
2. Hälfte des 18. Jh.s im Zusammenhang mit der aufklärerischen
Erweiterung der Natur- und Welterkenntnis und dem daraus resultierenden
Streben nach Systemen: "Fragment"- Sammlungen in allen
möglichen Wissensgebieten geben Bruchstücke eines noch zu erkennenden
Ganzen.
Für die deutsche Literatur
werden u. a. die Fragmente Johann Georg Hamanns ("Sokratische
Denkwürdigkeiten", 1759) und Johann
Gottfried Herders ("Über die neuere deutsche
Literatur", 1766-67) bedeutsam. Das romantische Fragment,
wie es v. a. Friedrich
Schlegel ("Kritische Fragmente", 1797;
"Athenaeum-Fragmente", 1798) und Novalis
("Blüthenstaub", 1798; "Glauben und Liebe",
1798) ausbildeten, gehört in den Bereich der Aphoristik (Aphorismus).
Anregungen für diese neuen "Texte zum Denken"
(Novalis)
kamen von Nicolas Chamforts pointierten "Maximes, pense'es,
caractères et anecdotes (1795). Schlegel
und Novalis
fanden Nachfolger u. a. in Johann Wilhelm Ritter und Joseph
Görres. Bei Friedrich
Nietzsche erscheint das Fragment nicht mehr als Teil
eines noch nicht erkannten Ganzen, sondern es steht vielmehr
für die Unmöglichkeit, dieses Ganze überhaupt zu fassen (falls
es überhaupt existiert), eine Vorstellung, die auch für die
litrarischen Fragmente des 20. Jh.s gilt (Samuel Beckett, Franz
Kafka).
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(©
22.11.2006 Autor und Redaktion
Gerd
Gross) (letzte
Änderung 27.04.2007)
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