Literaturgattung - Didaktik
Parabolische Form

Fabel
ist eine in Vers oder Prosa abgefasste, kurze Erzählung mit lehrhafter Tendenz, in der zumeist Tiere menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen verkörpern.

Explikation:

In ihrem antithetischen Aufbau (gegensätzliche Einstellungen oder Verhaltensweisen zweier oder mehrerer Tiere), der Darstellung einer dramatischen Handlungsumkehr und der Ausrichtung auf eine wirkungsvolle Schlusspointe zielt die Fabel auf die Versinnbildlichung einer allgemein gültigen Sentenz, auf religiöse, moralische oder praktische Belehrung oder Kritik.

  • im Mittelpunkt der Handlung stehen oft Tiere, Pflanzen oder andere Dinge, denen menschliche Eigenschaften zugeordnet sind.
    Die Tiere handeln, denken und sprechen wie Menschen.
    Die Fabel will belehren und unterhalten (fabula docet et delectat).
    Nach Lessing soll die Fabel einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurückführen und an diesem dann in Form einer Geschichte darstellen.
    Die Personifikation der Tiere dient dem Autor häufig als Schutz vor Bestrafung o.Ä., denn er übt keine direkte Kritik aus.
    Häufiges Fabelthema sind auch Ständeordnungen.

Typologie:

  • Promythion - vorangestellte Nutzanwendung /Lehre
    Ausgangssituation der Handlung
    Auslösung der Handlung (actio, Rede, 1. Handlungsteil)
    Reaktion des Betroffenen (reactio, Gegenrede, 2. Handlungsteil)
    Ergebnis der Handlung (eventus)
    Epimythion - Nachgestellte Nutzanwendung /Moral

Moral bzw. Lehre stehen nicht immer im Vordergrund einer Fabel, darum müssen nicht unmittelbar alle Typifikationen im Gesamtbild erscheinen. Oft bleibt es dem Leser überlassen sich selbst ein Bild zu machen. Wenn sie genannt wird, so kann sie am Anfang (Promythion) oder am Ende (Epimythion) der Fabel stehen. Die Fabel dient im ersten Fall als plastische Verdeutlichung einer Lehre, im häufiger vorkommenden zweiten Fall ist sie die Geschichte, die den Leser auf ein Problem stößt. Dann kann die gleiche Fabel auch unterschiedliche Nutzanwendungen haben, zum Beispiel bei Äsop und Lessing.

Historie:

Tierdichtungen gehören von jeher zum volkstümlichen Erzählgut aller Völker. Die ältesten Fabeln stammen aus Mesopotamien. Tierfabeln finden sich schon in sumerischen Texten des frühen 2. Jahrtausends v. Chr. Als Vorbild der europäischen Fabeln gelten die äsopischen Fabeln (Aisopos). Entscheidend für die inhaltliche und formale Ausbildung der äsopischen Fabeln wurden die griechischen Umdichtungen des Babrios (2. Jh. v. Chr.), die lateinischen Sammlungen des Phaedrus (1. Jh. n. Chr.), des Avianus (um 400 n. Chr.) und die Prosasammlung "Romulus" (entstanden zwischen 350 und 500). Dieser Fabelbestand wurde als mittelalterliche Schullektüre in ganz Europa verbreitet, immer wieder neu bearbeitet und durch außereuropäische Fabeln (u. a. aus dem indischen "Pancatantra", vor 500 n. Chr., und aus dem orientalischen "Kalila und Dimna") und anderes Erzählgut (besonders Schwänke) erweitert; wichtigste Sammlung dieser Art für die volkssprachliche Überlieferung ist der in Distichen abgefasste lateinische "Anonymus Neveleti" aus dem 12. Jh..

Volkssprachliche Fabeln finden sich seit dem 12. Jh. zunächst vereinzelt (bei den Spruchdichtern) und integriert in größere literarische Werke (bei Hugo von Trimberg u. a.) gemäß einer seit der Antike (Hesiod, Horaz) üblichen Tradition. Besonders in der Predigtliteratur (Abraham a Sancta Clara; Predigtmärlein, Exempel) war die volkssprachliche Fabel bis ins 18. Jahrhundert üblich.

In Frankreich entstand zwischen 1170 und 1190 eine eigenständige Fabelsammlung ("Ésope" der Marie de France), in Deutschland erreichten Fabelsammlungen nach vereinzeltem Auftreten seit dem 13. Jh. (Stricker) ihren Höhepunkt in Humanismus und Reformation (H. Steinhöwels "Vita Esopi et fabulae ...", lateinisch und deutsch; B. Waldis' "Esopus", 1548, sowie Sammlungen von Erasmus Alberus, 1534 und 1550, Luther, S. Brant, H. Sachs, J. Fischart).

Im 17. Jh. ging die Beliebtheit der Fabel in Deutschland zurück, in Frankreich erreichte sie durch J. de La Fontaine höchste künstlerische Verwirklichung. La Fontaine und A. Houdar de la Motte beeinflussten die Entwicklung der englischen Fabel (J. Gay: "Fables", 1727-38; E. Moore), später der russischen Fabel (I. A. Krylow: "Basni", 1809 ff.), ebenso der deutschen Fabel in ihrem letzten Höhepunkt als bevorzugte Gattung der deutschen Aufklärung. Neben die Übersetzung und Herausgabe von Fabeln (z. B. U. Boners "Edelstein" von 1324) trat auch die poetologische Fixierung (z. B. durch J. J. Bodmer und J. J. Breitinger sowie J. C. Gottsched).

Typisch für die zahlreichen Fabeln des 18. Jh.s (F. von Hagedorn, C. F. Gellert, M. G. Lichtwer, J. W. L. Gleim und G. K. Pfeffel) waren die Betonung der bürgerlichen Lebensklugheit anstelle der mittelalterlichen moralischen Belehrung und die Erweiterung und Erfindung von Motiven, Situationen und Figuren. Im Unterschied zur ausführlich erzählten Versfabel La Fontaines forderte G. E. Lessing in seiner wieder an der äsopischen Tradition anknüpfenden Neudefinition epigrammatische Zuspitzung, wie sie auch seine eigenen Fabeln zeigen. Lessing schloss zugleich die Entwicklung der Fabel des 18. Jh. ab.

Die Fabeln des 19. Jh. richteten sich v. a. an Kinder (J. H. Pestalozzi, 1803; W. Hey, 1834). Sie wurden in den Dienst einer konservativen Pädagogikgestellt und für die Kinder und Jugendliteratur nutzbar gemacht.

Ironisches Spiel mit den Konventionen der Gattung zeichnet die Fabeldichtung des 20. Jh.s aus (Franz Kafka, Bertolt Brecht, Reiner Kunze u.a.)



Sekundärliteratur

Blackham, Harold J.: The fable as literature; London [u.a.] : Athlone Pr., 1985

Bodemann, Ulrike: Fabula docet : illustrierte Fabelbücher aus 6 Jahrhunderten; Ausstellung aus Beständen d. Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel u.d. Sammlung Dr. Ulrich von Kritter; [Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Zeughaus, 10. Dezember 1983 - 23. April 1984; Goethe-Museum, Anton-u.-Katharina-Kippenberg-Stiftung, Düsseldorf, 17. Juni - 12. August 1984; Zentralbibliothek Zürich, 14. Januar - 16. März 1985; Bad. Landesbibliothek, Karlsruhe, 25. März - Juni 1985]; Wolfenbüttel : Herzog-August-Bibliothek, 1983

Carnes, Pack: Fable scholarship : an annotated bibliography; New York [u.a.] : Garland, 1985

Coenen, Hans Georg: Die Gattung Fabel : Infrastrukturen einer Kommunikationsform; Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2000

Dithmar, Reinhard: Theorien zu Fabel, Parabel und Gleichnis; Ludwigsfelde : Ludwigsfelder Verl.-Haus, 2000

Dithmar, Reinhard: Die Fabel : Geschichte, Struktur, Didaktik; 8. Aufl., [Nachdr. der völlig neu bearb. Aufl. von 1988]. - Paderborn : Schöningh, 1997

Elm, Theo: Fabel und Parabel : kulturgeschichtliche Prozesse im 18. Jahrhundert; München : Fink, 1994

Hasubek, Peter: Die Fabel : Theorie, Geschichte und Rezeption einer Gattung: Berlin : E. Schmidt, 1982

Hasubek, Peter: Fabelforschung; Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, [Abt. Verl.], 1983

Leibfried, Erwin: Fabel; 4., durchges. u. erg. Aufl.. - Stuttgart : Metzler, 1982 Details Liebchen, Wilfried: Die Fabel : das Vergnügen der Erkenntnis; Fabel, Gleichnis, Parabel, Witz; mit einer Abhandlung über die Formkriterien dieser Gattung; 1. Aufl.. - Kilianshof : Fabel-Verl. Liebchen, 1990 Details Snodgrass, Mary Ellen: Encyclopedia of fable; Santa Barbara, Calif. [u.a.] : ABC-CLIO, 1998

Peil, Dietmar: Der Streit der Glieder mit dem Magen : Studien zur Überlieferungs- und Deutungsgeschichte der Fabel des Menenius Agrippa von der Antike bis ins 20 Jahrhundert; Frankfurt am Main [u.a.] : Lang, 1985

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(© 13.06.2004 Autor und Redaktion Gerd Gross) (letzte Änderung 06.12.2006)
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